Man(n) kann Gewalt an Frauen beenden
Anmerkung: Die Farbe Orange wird in diesem Artikel bewusst und wiederholt eingesetzt; als Zeichen der Solidarität mit Betroffenen geschlechtsspezifischer Gewalt. Sie steht symbolisch für Hoffnung und eine gewaltfreie Zukunft und reiht sich bewusst in dieses globale Zeichen des Widerstands ein.
16 Tage Orange – 365 Tage Angst
Jedes Jahr zwischen dem 25. November und 10. Dezember leuchten weltweite Wahrzeichen in Orange. Diese Farbe steht für Hoffnung. Für Schutz. Für das Licht, das wir gemeinsam gegen Dunkelheit setzen. Sie erinnert daran: Gewalt ist kein persönliches Drama. Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Versagen. Und jede Gesellschaft hat die Wahl, ob sie hin- oder wegsieht.
Ein Satz, der hängen bleibt
„Wähle deinen Ehemann mit Bedacht.“
Ein Satz wie ein Echo aus einer Zeit, die längst überwunden scheint und doch trifft er bis heute mitten ins Leben vieler Frauen. Er taucht vor ersten Dates auf, vor dem Zusammenziehen, vor dem „Ja“ im Standesamt und manchmal mitten in Beziehungen, die schon längst nicht mehr sicher sind.
Er erinnert daran, dass das Lebensglück einer Frau oft nicht allein von ihr abhängt, sondern von gesellschaftlichen Vorstellungen, Machtstrukturen und leider immer noch von männlichem Verhalten.
Anna* ist 32, Mutter einer Tochter. Nach außen hin führt sie ein perfektes Leben: ein schönes Reihenhaus, ein stabiler Job, ein großer Freundeskreis. Innerlich lebt sie jedoch im Rhythmus der Angst. Jeden Abend, bevor ihr Partner nach Hause kommt, sorgt sie dafür, dass die gemeinsame Wohnung makellos ist. Nicht aus Ordnungsliebe, sondern aus Furcht vor den Konsequenzen. Er schreit selten. Er schlägt kaum. Doch er zerstört etwas viel Tieferes: ihren Selbstwert, ihre Freiheit, ihre Würde. Erst nach einem Jahr vertraut Anna sich einer Freundin an: „Ich lebe nicht mehr. Ich funktioniere nur noch.“
Solche Geschichten sind keine Ausnahme. Sie sind Realität. Statistische, alltägliche Realität.
Gewalt an Frauen beginnt nicht mit dem ersten Schlag. Sie beginnt viel früher: mit abwertenden Kommentaren, subtiler psychischer Kontrolle, finanzieller Abhängigkeit, Besitzansprüchen, digitaler Überwachung oder sozialer Isolation. Sie ist oft leise, aber zerstörerisch.
Die Eskalation reicht von Cat-Calling über Stalking bis hin zu körperlicher und sexualisierter Gewalt und endet viel zu oft tödlich, denn Gewalt hat viele Gesichter und keines davon ist zufällig.
Österreich im europäischen Vergleich – ein erschütterndes Bild
Nach Zahlen des AÖF – Autonome Österreichische Frauenhäuser (Stand November 2023) ist Gewalt gegen Frauen in Österreich keine Randerscheinung, sondern eine erschreckende gesellschaftliche Realität , die sich quer durch alle Altersgruppen, sozialen Schichten und Regionen zieht.
Die aktuellsten Erhebungen zeigen ein alarmierendes Bild: Jede dritte Frau in Österreich (ca. 35 %), also 1 119 934 Frauen, sind im Laufe ihres Lebens von körperlicher und/oder sexueller Gewalt betroffen – unabhängig davon, ob sie in einer Beziehung lebt oder nicht.[1]
Jede vierte Frau hat bereits sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt, das entspricht 736.613 Frauen.[2] 21,88 % aller Frauen zwischen 18 und 74 Jahren sind im Laufe ihres Lebens von Stalking betroffen, also eine von fünf Frauen.[3]
Besonders schwer wiegt die Belastung durch geschlechtsspezifische Gewalt in Partnerschaften: In Österreich haben 513.934 Frauen körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch einen aktuellen oder ehemaligen Partner erfahren; das sind 16,41 % aller Frauen, die sich in einer intimen Beziehung befinden. Darüber hinaus sind 440.529 Frauen von körperlicher Gewalt und 219.096 Frauen von sexueller Gewalt in ihrer Beziehung betroffen.[4] Diese Zahlen sind keine abstrakten Prozentwerte. Sie stehen für Leben, für Leid, für Frauen, die schweigen mussten, und für jene, die noch immer mitten in Gewaltstrukturen stehen.
Österreich zählt seit Jahren zu den Ländern Europas mit besonders hoher Belastung durch partnerschaftliche Gewalt und Femizide. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher, weil viele Betroffene aus Angst, Scham oder Abhängigkeit nie Anzeige erstatten.
Warum viele Frauen nicht „einfach gehen“ können [5]
Die Frage „Warum geht sie nicht?“ ist ein gesellschaftlicher Reflex und gleichzeitig eine der grausamsten Reaktionen auf Gewalt. Sie blendet die Realität aus, in der viele Betroffene leben. Frauen verlassen gewaltvolle Beziehungen nicht, weil sie häufig:
- finanziell abhängig sind,
- Kinder schützen wollen,
- von ihrem Umfeld isoliert wurden,
- sich schämen oder nicht ernst genommen fühlen,
- traumatisiert sind,
- oder weil sie um ihr Leben fürchten.
Die eigentliche Frage sollte daher nicht lauten, warum sie nicht geht, sondern warum er nicht aufhört.
Die Istanbul-Konvention – ein Versprechen, das Österreich noch nicht vollständig einlöst
Ein zentraler Meilenstein im Kampf gegen Gewalt an Frauen ist die Istanbul-Konvention, die in Österreich 2014 in Kraft trat. Sie verpflichtet die Mitgliedsstaaten nicht nur zur Prävention und Strafverfolgung von Gewalt, sondern auch zum Aufbau ausreichender Schutzstrukturen für Betroffene.
Der Europarat empfiehlt laut dem Explanatory Report, dass pro 10.000 Einwohner:innen ein Schutzplatz, also ein Notbett, in Frauenhäusern zur Verfügung stehen soll. Rechnet man diese Vorgabe auf die österreichische Bevölkerung von rund 9,2 Millionen Menschen (Stand 2025) um, ergibt sich ein Bedarf von 920 Schutzplätzen.
Laut dem Rechnungshofbericht „Gewalt- und Opferschutz für Frauen“ (2023) existieren österreichweit 947 Notbetten. Die Gesamtzahl scheint auf den ersten Blick ausreichend, doch ein genauer Blick zeigt ein anderes Bild: Kein einziges Bundesland erfüllt die Empfehlung des Europarats, weil die Plätze nicht gleichmäßig verteilt sind und regional große Versorgungslücken bestehen.
Damit bleibt Österreich trotz Deckung des Mindestbedarfs in absoluten Zahlen, weit hinter dem eigentlichen Ziel der Istanbul-Konvention zurück: nämlich flächendeckend und niederschwellig jenen Schutz zu bieten, den Gewaltbetroffene dringend benötigen.[6]
Prävention beginnt im Umfeld – Mut beginnt im Alltag
Prävention setzt nicht erst beim Opfer an, sondern im direkten Umfeld: dort, wo Menschen hinschauen oder wegsehen, wo jemand nachfragt oder schweigt. Mut ist kein heroischer Akt, sondern oft ein leises „Ich brauche Hilfe“. Es kann bedeuten, jemanden anzurufen, Grenzen zu ziehen oder überhaupt zum ersten Mal auszusprechen, was man erlebt.
Doch nicht nur Betroffene brauchen Mut. Auch wir als Gesellschaft müssen den Mut aufbringen, hinzusehen, zu handeln, Verantwortung zu übernehmen. Denn Veränderung entsteht dort, wo Schweigen endet.
Was Männer konkret tun können
Gewalt an Frauen ist kein „Frauenthema“. Sie ist ein gesellschaftliches Problem und Männer spielen eine zentrale Rolle in seiner Lösung.
Veränderung beginnt, wenn Männer sexistisches Verhalten nicht tolerieren, sondern benennen. Wenn sie Freunde auf Grenzüberschreitungen hinweisen, eigene Emotionen hinterfragen und Wut nicht als legitimes Ausdrucksmittel akzeptieren.
Verantwortung bedeutet, in Beziehungen Kommunikation, statt Kontrolle zu leben, zuzuhören, statt zu belehren, Frauen zu glauben, statt zu zweifeln. Respekt beginnt in der Haltung und wird an die nächste Generation weitergegeben.
Veränderung entsteht nicht zuerst in Gesetzen, sondern in Gesprächen unter Männern. In ihrem Mut, Haltung zu zeigen.
Tipps für Betroffene & Angehörige
Für Betroffene gilt vor allem eines: Sie tragen keine Schuld. Jede Frau hat das Recht auf Sicherheit, Schutz und ein Leben frei von Angst.
Hilfe kann anonym, vertraulich und jederzeit in Anspruch genommen werden, etwa über die Frauenhelpline unter 0800 222 555 oder in den Gewaltschutzzentren in jedem Bundesland. Manche Frauen dokumentieren Vorfälle, wenn es für sie sicher möglich ist; andere suchen zuerst das Gespräch mit einer Vertrauensperson. Beides ist richtig. Denn ein erster Schritt muss nicht der sofortige Auszug sein; oft ist es schlicht das Aussprechen dessen, was bisher niemand hören durfte.
Für Angehörige bedeutet Unterstützung vor allem, zuzuhören, ohne zu bewerten oder Vorwürfe zu machen. Oft reicht es, da zu sein und konkrete Hilfe anzubieten, etwa mit dem einfachen Satz: „Ich begleite dich, wenn du willst.“ Wichtig ist auch, zu verstehen, dass Betroffene selten sofort gehen können; der Weg aus der Gewalt ist ein Prozess, kein Moment. Verlässlichkeit und Stabilität sind in dieser Phase entscheidend, denn sie geben Halt in einer Situation, die für die Betroffene oft von Unsicherheit und Angst geprägt ist.
In dem globalen Aktionsrahmen von UN Women werden Wege aufgezeigt, wie Gesellschaften nachhaltiger gegen geschlechtsspezifische Gewalt vorgehen können, etwa durch stärke Präventionsarbeit, konsequente Aufklärung, Einbindung von Männern als Verbündete sowie durch bessere Zugänge zu Schutz- und Unterstützungsangeboten. Diese Ansätze vereinen sich mit der Forderung: Gewalt beginnt nicht erst im Moment des Angriffs, sondern dort, wo Macht unkontrolliert bleibt, Verantwortung weggeschoben wird und Strukturen fehlen, die Menschen schützen.[7]
#NOEXCUSE FOR ONLINE ABUSE
Die „Orange the World“-Kampagne 2025 weist besonders auf die wachsende Bedrohung durch digitale Gewalt hin. Zwischen 16 und 58 % aller Frauen und Mädchen haben weltweit bereits online Belästigung, Überwachung oder digitale Übergriffe erlebt. Die große Spanne erklärt sich dadurch, dass die Daten aus unterschiedlichen Ländern und Studien stammen, die jeweils verschiedene Formen digitaler Gewalt erfassen und mit unterschiedlichen Methoden arbeiten.[8]
Die diesjährige UNiTE-Initiative macht deshalb während der 16 Tage gegen geschlechtsspezifische Gewalt besonders darauf aufmerksam, wie schnell Übergriffe im Netz eskalieren können: Was mit einer einzelnen Nachricht beginnt, kann sich zu systematischer Bedrohung entwickeln; von der ungewollten Verbreitung privater Bilder, über digitale Überwachung, bis hin zu Deepfake-Technologien, die gezielt eingesetzt werden, um Frauen einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen.
Unter dem Leitmotiv, dass es keinerlei Rechtfertigung für digitale Gewalt gibt, ruft die Kampagne dazu auf, gemeinsam für digitale Räume einzutreten, die Frauen und Mädchen schützen, stärken und ihnen die gleichen Chancen bieten wie allen anderen. Die Botschaft ist klar: Technologie muss Gleichberechtigung fördern, nicht missbraucht werden, um Schaden anzurichten.[10]
Ein Appell, der uns alle betrifft
Die Orange Weeks haben bereits begonnen. Wenn ihr in den kommenden Tagen ein oranges beleuchtetes Gebäude seht, lasst es nicht nur eine schöne Farbe sein.
Denkt an die, die schweigen mussten.
An die, die nicht mehr sprechen können.
An die, die gerade mitten im Unsichtbaren kämpfen.
An die Kinder, die jeden Abend einschlafen, ohne zu wissen, wie der nächste Morgen wird.
Macht euer Umfeld aufmerksam. Postet. Teilt. Sprecht. Fragt.
Und vor allem: Schaut nicht weg. Hört nicht weg.
Manchmal liegt zwischen Gewalt und Rettung nur ein einziger Anruf.
Vielleicht seid ihr genau die Person, die ihn tätigt.
Orange ist kein Symbol. Orange ist ein Versprechen.
Ein Versprechen, dass niemand allein bleibt.
(*Name geändert)
[1] Vgl. https://www.unwomen.at/blog/2022/12/10/gewalt-gegen-frauen-und-maedchen-ist-eine-allgegenwaertige-menschenrechtsverletzung/
[3] Vgl. Vgl. UN Women Austria: „Orange the World – Österreich“, unter: https://www.unwomen.at/unserearbeit/kampagnen/orange-the-world/oesterreich/
[5] Vgl. Dalipović, S. V. (2025). Gewalt gegen Frauen in Südosteuropa: Eine kulturwissenschaftliche Untersuchung der gesellschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen (Bachelorarbeit). Universität Graz, Institut für Slawistik.
[6] Vgl. https://www.unwomen.at/unserearbeit/kampagnen/orange-the-world/oesterreich/
[9] Vgl. https://www.unwomen.at/unserearbeit/kampagnen/orange-the-world/oesterreich/



