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Afrika: Schon mal gehört?


Am 7. November titelte die Tageszeitung „Der Standard“: „Nur wenige flüchten: Was passiert in der ‚Hölle‘ von Al-Fashir?“. Die Kleine Zeitung spricht von einer „humanitären Katastrophe ohne Ende“ und veröffentlicht einen Frage-Antwort-Beitrag dazu. Die erste Frage lautet: „Worum geht es bei dem Konflikt?“ Die Einstiegsfrage könnte aber auch sein: „Warum wussten die meisten gar nichts von diesem seit zweieinhalb Jahren andauernden Krieg?“

Schweigen über den Globalen Süden
Die Berichterstattung über den Globalen Süden ist in deutschsprachigen Medien gering. „Ich würde sie sogar als minimal bezeichnen“, sagt Ladislaus Ludescher, Medienforscher an der Universität Heidelberg. Er beschäftigt sich bereits seit 2015 mit der Berichterstattung über den Globalen Süden und hat dazu mehrere deutschsprachige Fernsehformate, unter anderem die ZIB 1, analysiert. „Es gibt da diese Zahl, dass ungefähr 10 % der Beiträge auf den Globalen Süden entfallen, obwohl dort 85 % der Menschen leben“, sagt er. Selbst außergewöhnliche Ereignisse wie Kriege würden unter den Tisch fallen. Noch schlimmer sei es bei Printmedien, wo nur 5 % der Beiträge mit dem Globalen Süden zu tun haben. Ein Beispiel dafür sei der Konflikt in der äthiopischen Region Tigray. Der Bürgerkrieg in Äthiopien sei der tödlichste Krieg des 21. Jahrhunderts, und dennoch wurde er in deutschen Medien kaum behandelt. „In Deutschland findet man niemanden auf der Straße, der noch nie von der Ukraine gehört hat, aber umgekehrt findet man niemanden, der schon mal was von Tigray gehört hat.“

Eine Ausnahme für die mangelnde Berichterstattung seien die sogenannten MENA-Länder (Middle East and North Africa). Diese Staaten, zu denen auch Israel und der Iran gehören, seien in den Medien immer wieder Teil der Berichterstattung. Auch Südafrika sei im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten öfter zu sehen.

Afrika – juckt uns nicht?
Doch warum berichtet kaum jemand über das Geschehen südlich der Sahara? Ein Grund dafür ist laut Ludescher die Verteilung der Auslandskorrespondent:innen. Die ARD hatte 2020 zwei Journalist:innen in Tschechien und der Slowakei, wo sie über 16 Millionen Menschen berichteten. Im Vergleich: Zwei Journalist:innen waren 2020 in Kenia stationiert und allein für 38 Länder bzw. 870 Millionen Menschen zuständig. „Das ist natürlich völlig illusorisch, dass man da 38 Ländern gerecht werden kann“, sagt Ludescher im Interview mit KdR. Es sei nicht verwunderlich, dass es deshalb vom Globalen Norden viel mehr Berichte gebe. Noch schlimmer ist es um den ORF bestellt: Ein einziger Auslandskorrespondent ist in Afrika – in Kairo – stationiert, eine Journalistin sitzt in Peking, und in Lateinamerika gibt es keinen einzigen Bürostandort. Dass Berichte des ORF selten von Gebieten unterhalb der Sahara handeln, ist eine natürliche Konsequenz. Auch Martin Sturmer, Betreiber der Nachrichtenagentur Afrika.info, sieht darin ein schwerwiegendes Problem: „Wenn jemand in Südafrika sitzt und auch für Westafrika zuständig ist, ist das wahnsinnig schwierig – ja, sinnlos eigentlich.“

Ein weiterer Grund für die mangelnde Berichterstattung liege in den Einschätzungen der Medienhäuser selbst. „Ein Totschlagargument, das immer kommt, ist: Wir können nur das liefern und das zeigen, was die Menschen interessiert“, berichtet Ludescher. Doch das sei ein Argument, das sich selbst befeuere. „Weil wenn ich nichts liefere und keine Informationen gebe, wie kann ich mich dann für etwas interessieren, von dem ich nichts weiß?“ Er selbst habe oft die Erfahrung gemacht, dass sich Menschen für afrikanische Themen interessieren. Sobald er zum Beispiel von der Krise in Tigray erzähle, stoße er auf viel Interesse und Verwunderung, warum dies kein größeres Thema sei.

Doch selbst wenn über Afrika berichtet wird, behandeln die Berichte meist Katastrophen wie die in Al-Fashir. Von positiven Entwicklungen erfahren Zuseher:innen der ZIB eher selten. „Das hat auch seine Richtigkeit“, befindet Ludescher. Es sei normal, dass besonders über sogenannte K-Themen (Kriege, Krisen, Krankheiten, Katastrophen, Konflikte, Korruption und Kriminalität) berichtet werde. Das eigentliche Problem liege in der Sendezeit, die keinen Platz für Positivnachrichten erlaube. Martin Sturmer sieht die Berichterstattung als differenzierter als noch vor wenigen Jahrzehnten. So seien in den 1980er Jahren noch über 80 % der Berichte negativ gewesen. Heute schätze er nur 40 bis 50 % der Berichte als negativ ein. Dafür seien es oft alte Stereotype, die in den Medien wiedergegeben werden: „Was wir immer wieder bekommen, sind diese Bilder vom uralten Afrika. Gar nicht diese modernen Städte, die es gibt. Nicht diese jungen Menschen, die Gründer:innen sind, die in Start-ups arbeiten.“ Der Kontinent sehe nicht so aus, wie er in vielen Beiträgen gezeigt werde. „Man versucht oft noch so ein romantisches Bild von Afrika zu publizieren, das aber überhaupt nicht mehr der Realität entspricht“, bemängelt er.

Kriege, Krisen, kein Budget
Berichterstattung über Afrika ist also gering und krisenfokussiert – wobei das Erste zwangsläufig das Zweite nach sich zieht. Was bedeutet das für das nicht so krisengeschüttelte Afrika und den Westen? Dr. Ludescher ist sich sicher: „Das ist höchstgefährlich.“ Auch das Weltbild, das durch die unausgewogene Berichterstattung entsteht, sei gefährlich: „Wenn ich nur die K-Themen zeige, dann wird ein sehr fatalistisches Weltbild gefördert. Afrika als Sorgenkontinent. Da ist sowieso alles verloren. Da gibt es nur Warlords. Warum sollte ich mich da engagieren?“

Ein Beispiel für die Auswirkungen seien die Entwicklungen der Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit von Deutschland und Österreich. Die Gelder für das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Deutschland wurden im September 2025 um acht Prozent auf 10,3 Milliarden Euro gekürzt. Gleichzeitig erhöhte der Bundestag die Ausgaben für das Militär um mehr als ein Viertel auf 77 Milliarden Euro. Österreich hat bereits 2024 weniger Geld in Entwicklungshilfe gesteckt (um 128 Millionen Euro, also ein Rückgang von 7 %). Wenig Widerstand dagegen begründet Ludescher durch mangelnde Berichterstattung: „Wenn wir uns für den Globalen Süden nicht interessieren, dann gibt es keine starke Lobby dagegen. Die Leute interessieren sich nicht dafür, weil es in den Nachrichten nicht vorkommt.“ Noch schlimmer ist der Zustand in den USA, wo die Auflösung der Behörde für Entwicklungshilfe USAID im Juli bekannt gegeben wurde. All diese Kürzungen führen laut Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen zu sofort spürbaren Auswirkungen für Betroffene. Humanitäre Organisationen müssen aufhören zu arbeiten, und Medikamente werden nicht mehr ausgegeben.

Aber auch im privaten Sektor fehlt dadurch Geld, wie Martin Sturmer erklärt: „Es wird in Österreich immer sehr bemängelt, dass Afrika als Kontinent der Chancen dargestellt wird, aber österreichische Exporteure und Investoren sehr, sehr zurückhaltend sind.“ Das liege an Unsicherheiten, die er ebenfalls auf die Berichterstattung zurückführt. Fehlende Gelder wiederum seien nicht nur ein wirtschaftliches und humanitäres Problem. „Weil die Gelder fehlen, kommt es zu politischer Instabilität. Es kommt zu Migrationsbewegungen, und das ganze System bricht zusammen. Und irgendwann kommt es auch auf uns zurück“, sagt Ludescher. Ein Rückzug des Westens aus dem Globalen Süden erschaffe aber auch ein politisches Vakuum, das möglicherweise von anderen antidemokratischen Kräften gefüllt werden könnte. „Also wenn wir uns für Menschenrechte einsetzen wollen, dann müssen wir uns auch involvieren und interessieren und nicht nur Sonntagspredigten halten“, sagt Dr. Ludescher.

Die Menschen, die in Österreich leben und aus afrikanischen Ländern stammen, seien ebenfalls von der Berichterstattung betroffen, berichtet Martin Sturmer – besonders dadurch, dass die Berichte negative Stereotype in den Köpfen der Österreicher:innen verstärkten: „Was das in den Menschen dann auslöst, das ist etwas, wo diese Afrikaberichterstattung natürlich auch Integrationsprozessen schadet.“

Ich weiß nichts und es gibt keine Infos. Was jetzt?
Zum einen sind Medienhäuser gefragt, die Berichterstattung zu verbessern. Ludescher nennt drei Maßnahmen: Der ORF sollte die Sendezeit für den Globalen Süden erhöhen. Bereits eine Verdoppelung auf 20 % der Gesamtdauer sei ein wichtiger Schritt. Ein weiterer Schritt sei, das Korrespondentennetz auszubauen. Ludescher schlägt vor, deutschsprachige Kooperationen zu nutzen, um Geld zu sparen. Beispielsweise könne man zwei Journalist:innen nach Afrika schicken, die sowohl für den ORF, das ZDF als auch das Schweizer Fernsehen berichten. In anderen Ländern kooperiere man bereits auf diese Art. Drittens sei es wichtig, langfristig viele lokale Reporter:innen in die Berichterstattung einzubinden. Es gehe darum, nicht von außen auf das Geschehen zu blicken, sondern eine Quelle von innen zu haben. Ein Grundstein werde auch in Schulen gesetzt. „Es gibt so eine Neugierde, die Schülerinnen und Schüler haben, und die muss man nur ein bisschen anstupsen“, ist sich Ludescher sicher. Es benötige nur eine engagierte Lehrkraft, um einen Unterschied zu machen.

Wohin wendet man sich nun als junger Mensch, wenn man mehr über Afrika erfahren möchte? Sturmer nennt als eine mögliche Quelle den Influencer „deinbrudersteve“. Steve produziert Inhalte über Afrika, in denen er von aktuellen Situationen berichtet und dabei seine Quellen angibt. Ludescher findet es gut, dass einige Nachrichten über Afrika über soziale Medien verbreitet werden, aber „es ist ein großes Gefahrenpotenzial dahinter, weil man als Außenstehender nur schwer abschätzen kann, wie verlässlich und zuverlässig die Informationen sind“. Er empfiehlt das ARTE Journal. Dieses habe 30 % der Sendezeit für den Globalen Süden reserviert und zeige auch positive Nachrichten aus diesen Regionen. Aber es gibt auch andere Kanäle, über die man mehr über den Globalen Süden erfahren kann. Eine wöchentliche Quelle ist der englische Newsletter „What happened last week?“ der Berliner Journalistin Jaff Sham. Sie beschäftigt sich mit den wichtigsten Nachrichten aus dem Globalen Süden der letzten Woche. Martin Sturmer empfiehlt ebenfalls, sich direkt bei afrikanischen Medien zu informieren: „Die afrikanischen Journalist:innen sind ja einfach näher dran am Geschehen und haben ganz andere Wahrnehmungen.“


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