TOVE DITLEVSENS ‘KINDHEIT, JUGEND, ABHÄNGIGKEIT‘: ZWISCHEN INNENWELT UND WELTGESCHEHEN
‘Kindheit, Jugend, Abhängigkeit‘ von Tove Ditlevsen (1917-1976, Dänemark) gilt als einer der einflussreichsten autobiographischen Trilogien des 20. Jahrhunderts. In ihrer schroffen, aber auch poetischen Sprache beschriebt Ditlevsen den Weg von ihrer Kindheit ins Erwachsenenalter, ihr Kampf gegen Medikamentenabhängigkeit und ihre künstlerische Entwicklung. Auch die Verstrickungen der damaligen politischen Lage webt sie in die Geschichte ein. Dabei stellen sich Fragen, wie etwa, ob Passivität das Produkt psychischer Probleme ist, oder ob sich diese aus gesellschaftlichen Gründen ausbildet?
Sprache als Zuflucht
‘Am Morgen war die Hoffnung da.‘ – Ditlevsen beschreibt einen Moment der Stille am
Esstisch der elterlichen Wohnung, einen den es selten in ihrer Familie zu gebe scheint. Ein
Ausdruck der Verzweiflung schwebt über den ersten Zeilen der Autobiographie, einen schließlich über das ganze Buch hinweg begleitet. Dort sitzt der jungen Autorin ihre ‘harten‘ Mutter gegenüber. Ihr ‘melancholischer‘ Vater und – der von der Familie vergötterte – Bruder sind nicht zu Hause. Die Spannung baut sich langsam auf, als schließlich die Stille gestört wird. Von einem Moment auf den andern verwandelt sich die Atmosphäre in ein hektisches Chaos. Die Erzählung taucht in das Leben einer Arbeiter:innenfamilie im Kopenhagen der
1920er Jahre ein. Dabei vergehen Tage wie Jahre, häusliche Gewalt ist alltäglich und patriarchale Strukturen erscheinen als die Norm. Die Autobiografin meint über ihre Kindheit: ‘Die Kindheit ist lang und eng wie ein Sarg, aus dem man alleine nicht herauskommt.‘ Ihre einzige Zuflucht ist die Sprache, die immer wie ein Beschützer über sie wach. Sie bringt sich selbst Lesen und Schreiben bei, und darf, obwohl sie aus proletarischen Verhältnissen stammt, die Schule besuchen. Zu Hause wird Schreiben und Lesen jedoch als ausschließlich männlich fundiert gesehen. Ihr Vater liest Bücher und macht der jungen Ditlevsen unverständlich klar: Sprachkunst ist nur für Männer! Sie als Frau wird nie Poetin werden können! Doch heimlich – und manchmal auch nicht so heimlich – schreibt sich die junge Ditlevsen immer höher in der gesellschaftliche Leiter hinauf. Denn die Sprache ist das, was sie all die Jahre antreibt.
Im Laufe der Erzählung ist Ditlevsen mit sprunghaftem Abstand wieder und wieder in psychiatrischer Behandlung. Ihre Krankheiten reichen von Nervenzusammenbrüchen, über depressive Episoden, bis hin zur Tablettensucht. Immer wieder wird klar, wie instabil das Leben der Autorin und ihrer Familie ist. Das Schreiben und die Wortstruktur werden ihr Zufluchtsort. Eine Festung gegen innere Krisen.
Arbeiter:innen Poetin
Die Geschichte der Poetin handelt nicht nur von Abhängigkeit, Liebe und Kunst, sondern behandelt auch soziale Machverhältnisse kritisch. So adressiert sie die damalige Rolle der Frau immer mit scharfen Worten. Auch die Perspektive der Arbeiter:innenklasse nimmt eine große Rolle in der Autobiografie ein. Ditlevsen beschreibt die Geschehnisse des Kopenhagener Arbeiter:innenviertels Versterbro, wo sie aufwächst, mit besonderer Präzession. Ihr sozialdemokratischer Vater ist besonders in ihrer Kindheit und Jugend die Informationsquelle für die politischen Ereignisse dieser Epoche.
Die deutsche Besatzung als blinder Fleck?
In den Jahren ihrer Jungend, wird der Aufstieg des NS-Regimes und die Besatzung Dänemarks durch die Deutschen Teil des Erzählstrangs der autobiographischen Geschichte. Jedoch scheint der tobende Zweite Weltkrieg und die Taten der Nationalsozialisten kaum eine Rolle in Ditlevsens Alltag oder ihrem literarischen Werk zu spielen. So zeigt die Figur der Autorin wenig Interesse für das politische Geschehen. Ist die NS-Zeit also ein blinder Fleck in Ditlevsens Werk? Möglich. Vielleicht aber drückt ihre Passivität den historischen Geschehnissen gegenüber bloß ihre innerlichen Krisen aus. Das Buch stellt die Frage: Kann man einen inneren Kampf in Zeiten des Kollapses führen?
Die Frage der Aktualität
Die ständig relevanten Fragestellungen der Autobiografie über Identität, Sprache und Selbstwahrnehmung prägen uns heute immer noch. Die heutige, durch Krisen gezeichnete Epoche ist ebenfalls eine Zeit der inneren Unruhe. Sie wirft dieselben Fragen und Erkenntnisse auf, die Ditlevsen in ihrem Buch abhandelt. Eine große Leseempfehlung für ‘Kindheit, Jugend, Abhängigkeit‘ von Tove Ditlevsen.



