Einheit statt Bauchgefühl – was sich in der Sexualpädagogik gerade tut
Sexualität ist ein zentraler Teil unseres Lebens – und verdient eine ebenso zentrale Rolle in der Bildung. Mit dem neuen Qualitätssicherungsverfahren seit Februar 2025 wurde ein wichtiger Schritt hin zu (noch) mehr Professionalität in der Sexualpädagogik gemacht. Nun bietet sich die Chance, diesen Weg konsequent weiterzugehen: durch eine einheitliche, verpflichtende Ausbildung, die Qualität sichtbar macht und allen Jugendlichen gleichermaßen bestärkende Aufklärung ermöglicht.
Sexualität ist Teil unseres Lebens. Doch wie wir darüber sprechen – oder eben nicht sprechen – prägt unsere Gesellschaft tiefgreifend. Sexualität begegnet uns überall, egal ob in alltäglichen Konversationen, in Filmen und Serien, auf Social-Media-Plattformen oder auf der Werbetafel der Straßenbahnhaltestelle. Und trotzdem bleibt (zu) vieles unausgesprochen, vor allem dort, wo es eigentlich Raum bräuchte: in der Schule. Die Schule dient als Ort der Wissensvermittlung, an dem es keine Tabus über Themen, die den Alltag so schwerwiegend beeinflussen wie Sexualität, geben sollte.
Es gibt zahlreiche Anbieter:innen von sexualpädagogischen Workshops an steirischen Schulen – Vereine wie Abenteuer Liebe, lil*, das Frauengesundheitszentrum oder die AIDS-Hilfe leisten hier wertvolle Arbeit. Aber: Wer sich Sexualpädagog:in nennt, muss bisher keine einheitliche Ausbildung nachweisen, da Sexualpädagogik kein geschützter Begriff ist. Das ist ein Problem. Denn so wichtig wie das Thema ist, so wichtig ist auch, dass es professionell, diskriminierungsfrei und mit der nötigen Werthaltung vermittelt wird. Natürlich kann auch eine einheitliche Ausbildung nicht sämtliches mögliches Fehlverhalten verhindern, aber sie könnte zumindest ein großer Schritt in die richtige Richtung sein und das öffentliche Ansehen der Sexualpädagogik steigern.
Seit Februar 2025 hat sich in Österreich einiges getan: Es wurde die Geschäftsstelle Sexualpädagogik eingerichtet. Externe sexualpädagogische Angebote dürfen nur noch in Schulen arbeiten, wenn sie zuvor ein Qualitätssicherungsverfahren durchlaufen haben. Im Zuge des Qualitätssicherungsverfahrens wird die fachliche Tätigkeit der Anbieter:innen durch wissenschaftliche Mitarbeiter:innen geprüft und anschließend in einem Online-Portal vermerkt. Außerdem müssen Lehrpersonen nach dem Workshop anschließend online Rückmeldung geben und das sexualpädagogische Angebot bewerten, wodurch die Qualität der Arbeit laufend evaluiert werden kann.
Das ist ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Sexualpädagogik ist kein Hobby. Es braucht Fachwissen, Haltung und flexible Methodik, die sicherstellt, dass der Workshop jederzeit passend abläuft – dies könnte durch eine einheitliche sexualpädagogische Ausbildung gewährleistet werden.
Trotzdem ist der Begriff Sexualpädagog:in in Österreich immer noch nicht geschützt. Jede Person kann sich so nennen, egal ob sie eine fundierte Ausbildung bei einem renommierten Anbieter, wie in der Steiermark etwa Liebeslust oder Abenteuer Liebe, durchlaufen hat oder nicht. Ein Schlag ins Gesicht für all jene, die sich ernsthaft ausbilden lassen, an Supervisionen teilnehmen und ihr Wissen ständig zu erweitern versuchen.
Was es jetzt braucht, ist ein nächster Schritt: eine verpflichtende, einheitliche Ausbildung für alle, die sexualpädagogisch arbeiten wollen. In der Steiermark gibt es bereits großartige Sexualpädagog:innen und engagierte Vereine, die mit Fachwissen, Erfahrung und viel Herz Workshops gestalten – das zeigt, wie gut es funktionieren kann. Eine standardisierte Ausbildung würde die bereits vorhandene Qualität absichern, sichtbar machen und erhöhen. Sie würde Schulen, Erziehungsberechtigten und natürlich auch Kindern und Jugendlichen die Sicherheit geben, dass fundierte, professionelle Arbeit der Standard ist und keine Glückssache. Für Jugendliche würde das bedeuten: gleiche Chancen auf gute, respektvolle und bestärkende Aufklärung – unabhängig davon, an welcher Schule sie sind oder wer den Workshop hält.
Gute, professionelle Sexualpädagogik stärkt . Sie vermittelt im Idealfall neben der Aufklärung im klassischen Sinne, sowohl eine gesunde Körperbildung als auch Herzensbildung und unterstützt dabei, die eigenen Grenzen sowie die Grenzen anderer wahrnehmen und achten zu können und trägt so zur Verwirklichung grundlegender Menschenrechte wie dem Recht auf körperliche Unversehrtheit, Gleichberechtigung und sexuelle Selbstbestimmung bei.
Eine verpflichtende, einheitliche Ausbildung würde das leisten, was die Geschäftsstelle Sexualpädagogik mit dem Qualitätssicherungsverfahren bereits angestoßen hat: Vertrauen schaffen, Qualität sichern und die Sichtbarkeit professioneller sexualpädagogischer Arbeit erhöhen. Sie wäre ein starkes Zeichen der Wertschätzung für jene, die mit Fachwissen, Haltung und Engagement täglich stärkende Arbeit mit jungen Menschen leisten. Eine verpflichtende, einheitliche Ausbildung wäre damit mehr als nur ein Qualitätssiegel, sie wäre ein bedeutender Schritt hin zu einem Schullalltag, in dem junge Menschen unabhängig von Herkunft, Schulstandort oder Zufall Zugang zu verlässlicher, diskriminierungssensibler und menschenrechtsorientierter Sexualpädagogik erhalten. So kann Chancengleichheit nicht nur gefordert, sondern auch gelebt werden.
Quellen:
Bundesministerium für Bildung. (2025, 20. Februar). Rundschreiben Nr. 2/2025: Qualitätssicherung sexualpädagogischer externer Angebote. Abgerufen von https://www.schulpsychologie.at/startseite/news-detailansicht/rundschreiben-2-2025
Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung. (o. J.). Sexualpädagogik. Abgerufen am 6. Juni 2025 von https://www.bmbwf.gv.at/Themen/schule/schulpraxis/schwerpunkte/sexualpaed.html
Der Standard. (2025, 20. Februar). Sexualpädagogik: Neue Richtlinien für Schulen. Abgerufen am 6. Juni 2025 von https://www.derstandard.at/story/3000000257741/sexualp228dagogik-neue-richtlinien-f252r-schulen
Österreichische Gesellschaft für Sexualwissenschaften. (2025, 15. Mai). Stellungnahme der ÖGS: Sexuelle Bildung verteidigen. Abgerufen von https://www.oegs.or.at/aktuelles/stellungnahme-der-ogs-sexuelle-bildung-verteidigen



