Diagnose: Internetpsychologie
Psychische Erkrankungen und Mental Health sind endlich im öffentlichen Diskurs angekommen und gerade auf Social Media zum regelrechten Trend-Thema geworden. Dass endlich über psychische Gesundheit geredet wird, ist äußerst begrüßenswert. Wie allerdings darüber geredet wird, bringt teils mehr Schaden als Nutzen.
Wie historisch mit psychischen Erkrankungen umgegangen wurde, ist mehr als bedauernswert. Lange Zeit wurden psychisch kranke Menschen verstoßen oder eingesperrt, und selbst die ersten psychiatrischen Einrichtungen der Neuzeit hatten eher den Zweck, die als abweichend stigmatisierten Erkrankten vom Rest der Gesellschaft abzuschotten, als ihnen ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Später im Nationalsozialismus wurden Menschen mit psychischen Störungen gar zum Opfer von Massenmorden – ein tragisches Erbe, dessen Folgen in der hartnäckigen Stigmatisierung psychischer Störungen und ihrer Behandlung bis heute sichtbar bleibt.
Allerdings scheint sich das Blatt seit einigen Jahren zu wenden. Vor allem Angehörige der Gen Z und Gen Y sind mehr als ihre Vorgängergenerationen bereit, offen über mentale Gesundheit zu sprechen und sich bei Bedarf aktiv Hilfe zu suchen. So zeigen etwa Daten der APA Stress in America Survey 2018, dass 37% der Gen Z und 35% der Gen Y bereits psychotherapeutische Behandlung in Anspruch genommen haben. Die Rate bei Gen X und der Babyboomer-Generation liegt im Vergleich dazu bei nur 25% bzw. 23%.
Diese erhöhte Sensibilität für psychische Gesundheit spiegelt sich auch im öffentlichen Diskurs wider: In den sozialen Netzwerken hat das Thema „Mental Health“ gerade Hochkonjunktur. Sei es in humoristischen Memes, Ratgebervideos, Funfacts, Hot Takes oder in makabren Sketches – das Internet ist voll von Beiträgen, die uns erklären wollen, wie unser Hirn so tickt, wieso wir alle neurodivergent sind oder warum es ohnehin normal ist, sich „depressed“ zu fühlen.
Dass uns die Leichtigkeit dieser Erklärungen oder die Selbstverständlichkeit, mit denen die Worte „depression“ und „funny“ kombiniert werden, nicht stutzig macht, ist alarmierend. Und dass wir uns von Menschen, die teils keine bis höchstens fragliche Qualifikationen im Bereich der Psychologie, Psychiatrie oder Neurowissenschaften aufweisen, unser Hirn und die Gesetzmäßigkeiten unseres Erlebens und Verhaltens erklären lassen, ist ebenso hochgradig problematisch.
Denn eines ist klar: Depressionen sind für Betroffene weder „funny“ noch mittels vereinfachender Erklärungen fassbar. Depressionen sind ernstzunehmende psychische Erkrankungen, und Betroffene benötigen adäquate Therapiemaßnahmen, ein unterstützendes soziales Support-Netzwerk sowie ggf. entsprechende medikamentöse Behandlung. Wie genau eine solche Behandlung im Einzelfall auszusehen hat, muss jedoch von qualifiziertem Fachpersonal entschieden werden und sollte nicht auf Halbweisheiten aus 10 TikToks oder Instagram-Reels beruhen.
Genau darin liegt aber eines der Hauptprobleme der aktuellen Popularität des Themas „Mental Health“: Weil wir endlich offener darüber sprechen können, bringen auch immer mehr unqualifizierte Personen ihre Meinung zum Thema ein. In Videos wie „5 Signs that You Might Have ADHD“ zählen Content-Creator:innen völlig alltägliche und potenziell nicht-krankheitsbedingte Verhaltensweisen auf („Wenn du eine Aufgabe langweilig findest, schweifen deine Gedanken ab.“) und tun so, als ob ihre Checkliste an banalen Handlungen einer fundierten psychologischen Diagnose gleichkäme.
Dass klinisch-psychologische Diagnosen ein komplexes Unterfangen sind und laut österreichischem Psychologengesetz sinnvollerweise Fachpersonal vorbehalten sind, scheint weder die Influencer:innen selbst noch zahlreiche enthusiastische Konsument:innen ihres Contents zu stören. Denn ja, Aufmerksamkeitsprobleme können ein Zeichen von ADHS sein – sie können aber z.B. auch eine völlig normale Reaktion auf bestimmte Situationen oder körperliche Zustände darstellen. Diesen oft kleinen, aber bedeutsamen Unterschied zu erfassen, ist die Aufgabe von Personen, die dafür jahrelange Studien und Ausbildungen absolviert haben – und nicht von Pseudo-Gurus auf Social Media.
Ein Beispiel für einen solchen Social-Media-Guru ist „Dr. Chris Lee“, der sich auf Instagram über 540.000 Follower:innen erfreut. In seinen Videos, die häufig nicht länger als eine Minute sind, erklärt uns Lee vermeintlich ganz genau, wieso unser Hirn – von ihm liebevoll „spicy meatloaf“ genannt – das tut, was es tut. Was Lee dazu qualifiziert, uns die Mechanismen unseres Hirns zu erklären? Glaubt man seiner Vita, so reicht dafür ein Abschluss in Biologie, Chemie und Umweltwissenschaften sowie ein Doktorat in Chiropraktik. Dr. Lee ist also keineswegs Psychiater, sondern hat sich seinen Doktor durch eine Ausbildung in einer alternativmedizinischen Behandlungsform für Störungen des Bewegungsapparats verdient. Davon abgesehen gibt er auch an, über „Training“ in den Neurowissenschaften zu verfügen und täglich fünf Neuroscience-Journals gelesen zu haben – eine Leserate, die wohl auch viele fachlich versierte Universitätsprofessor:innen zum Staunen (oder wohl eher zum skeptischen Stirnrunzeln) bringen würde.
Abgesehen von diesem fraglichen Qualifikationsprofil sind aber auch Dr. Lees Aussagen selbst zu hinterfragen. Zum Beispiel fallen in seinen Videos schon einmal so pauschalisierende Feststellungen wie „Depression is a skill set that we learn automatically“. Solch eine Behauptung ist gleich auf mehreren Ebenen problematisch: Sie verkennt nicht nur die Komplexität des Ursprungs von Depressionen, sondern macht zudem das Individuum verantwortlich für die Krankheit. Denn wenn Depressionen eine erlernte Fertigkeit sind, dann folgt daraus, dass a) Betroffene (wenn auch unbewusst) selbst die Schuld an ihrer Erkrankung tragen und b) ein simples Abtrainieren oder Umlernen ausreichend sein muss, um sich von der Krankheit zu befreien. Dass uns aber oft gerade unsere Umwelt (etwa ungesunde Arbeitsbedingungen oder strukturelle Probleme, aber auch schwere Schicksalsschläge) krank machen, kommt dabei nicht zur Sprache.
Den Sachverhalt so zu vereinfachen, ist schlicht und ergreifend unverantwortlich. Es ist nämlich nicht nur äußerst heikel, Menschen Schuld an ihren Erkrankungen zuzuweisen, sondern auch die Idee, man könne sich Depressionen einfach abtrainieren, ist an Reduktionismus nicht zu übertreffen. Denn auch wenn bestimmte Psychotherapieformen, wie z.B. die kognitive Verhaltenstherapie, tatsächlich ihren Fokus auf automatisierte Verhaltensmuster/Fertigkeiten und deren negativen wie auch positiven Einfluss auf klinische Störungen legen, so ist die verhaltenstherapeutische Behandlung von Depressionen ein komplexer Prozess, der von fachlich qualifizierten Therapeut:innen angeleitet und begleitet werden muss. Den Menschen ein Video vorzusetzten und ihnen zu sagen, sie sollen sich einfach Depression als Skill abtrainieren und sich stattdessen Lebensfreude antrainieren, wirkt geradezu höhnisch.
Ähnlich schädlich sind auch die vielen Stimmen, die die Pflege der eigenen mentalen Gesundheit mit skrupellosem Egoismus verwechseln. Unter dem Mantra „Prioritise yourself“ machen uns zahlreiche Influencer:innen weis, das Wichtigste für unser mentales Wohlbefinden wäre es, primär auf uns selbst zu achten. Und so wichtig und richtig dieser Tipp für manche Personen sein kann – gerade für jene, die zu Selbstaufgabe neigen und dabei ihre eigenen Bedürfnisse gänzlich vernachlässigen –, so sehr kann er auch antisoziale, unsolidarische und gar gesundheitsschädliche Verhaltensweisen befördern. Denn sich selbst an erste Stelle zu setzen, kann dazu führen, dass wir andere verletzen oder nicht mehr bereit sind, individuelle Strapazen für das Gemeinwohl auf uns zu nehmen – und auch zunehmende soziale Abschottung kann eine Folge einer solchen falschen Priorisierung sein. Gerade Menschen mit psychischen Störungsbildern wie einer sozialen Phobie können verleitet sein, sich aus vermeintlicher Selbstfürsorge zu isolieren, statt sich auf soziale und potenziell unangenehme Situationen einzulassen. Dass eine solche Abschottung auf lange Sicht zu gesteigertem psychischen Unwohlsein und einer möglichen Verschlimmerung der Sozialangst führen kann, wird dabei jedoch übersehen.
Was also tun angesichts all dieser Problematiken? Einfach wieder aufzuhören, öffentlich über „Mental Health“ zu sprechen, kann keine Lösung sein. Aber etwas an unserer Art und Weise, wie wir darüber sprechen, muss sich ändern. Es braucht dazu mehr qualifiziertes Wissen und kompetente vertrauensvolle Quellen für Informationen zu psychischer Gesundheit. Erste Projekte, wie z.B. die Instagram-Seite „fühlen wir“ des SWR, bieten vielversprechende Ansätze, zumal Informationen dort von kompetenten Psycholog:innen aufbereitet werden – obwohl auch hier gilt, dass die für Social Media typischen Kurzformate nur vereinfachende Darstellungen von komplexen Sachverhalten erlauben.
Verlässlichere und bessere Informationen kommen zweifellos noch immer von Fachpersonal – also psychologisch fundiert ausgebildeten Personen, die qualifiziert sind, entsprechende Aufklärung und Beratung anzubieten. Und vielleicht liegt in der Besinnung auf diese Expertise auch eine mögliche Lösung für die aktuelle Mental-Health-Diskurs-Problematik. Denn es täte uns mit Sicherheit besser, mehr über die Wichtigkeit professioneller Hilfe zu sprechen, als unausgegorene psychologische Halbweisheiten zu teilen.



