Was bedeutet der Tag der Arbeit?
Anfang Mai 1886, vor 139 Jahren, gingen in den USA hunderttausende Menschen auf die Straße. Ihre Hauptforderung: Verkürzte Arbeitszeiten, ein 8-Stunden-Arbeitstag. Zunächst friedlich sangen die streikenden Arbeiter: „Eight hours we’d have for workin‘, eight hours we’d have for play, eight hours we’d have for sleeping, in free Americay“ -Frei übersetzt: Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit, acht Stunden Ruhe in einem freien Amerika. Als Antwort des freien Amerikas kam es zu Schusswechseln zwischen Staatsgewalt und Demonstrierenden. Ereignisse wie die „Haymarket affair“ gingen in die Geschichte ein. In Gedenken an diesen und weitere ähnliche Vorfälle etablierte sich der 1. Mai als internationaler Tag der Arbeit. Doch welche Bedeutung trägt der Tag der Arbeit heute? Brauchen wir ihn überhaupt noch?
Wie war es damals?
Im späten 19. Jahrhundert sah die Lage der arbeitenden Bevölkerung gänzlich anders aus als heute. Die Menschen mussten teilweise 60 Stunden pro Woche arbeiten, hatten keine rechtliche Repräsentation und mussten ihre Tageszeit unter horrenden Arbeitsumständen verbringen. Man hatte starke Gründe, um für Verbesserung zu kämpfen. Daher bildeten sich überall auf der Welt Gewerkschaften, Menschen organisierten sich, um für Gerechtigkeit und Fairness einzustehen. Den ersten Grundstein für einen Feiertag zu Ehren der Arbeit wurde von einer Massendemonstration in Australien gelegt. Und schon im Jahr 1890 riefen weltweit Gewerkschaften und Parteien weltweit zu Protesten auf. So wurde der 1. Mai auch in Österreich zum ersten Mal von den Sozialdemokraten unter Viktor Adler gefeiert. Damals gingen in Wien um die 100.000 Menschen, der etwa 1,4 Millionen damaligen Einwohner, auf die Straße. 14 % der ganzen Stadt protestierten für verbesserte Bedingungen der Arbeiterklasse. Das rote Wien war damit zentral für die internationale Arbeiterbewegung. Die Arbeitenden hatten genug von einem unfairen System und hatten vor, für wahre Veränderung zu sorgen. Grundlegende Menschenrechte am Arbeitsplatz – eineForderung, die auch heute noch relevant ist.
Und heute?
Im Vergleich zum Rest der Welt ist Europa in Menschenrechtsbelangen Vorreiter. Wir haben Sozialsysteme, Krankenkassen, Urlaubsanspruch. Dennoch ist es falsch anzunehmen, dass alles perfekt sei. Gerade in einer solchen Position ist es wichtig, nicht stehenzubleiben. Auch heute lohnt es sich noch, gegen Ungerechtigkeiten auf die Straße zu gehen. Dinge wie der Gender Pay Gap oder die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich sind real und stellen einen blinden Fleck der Menschenrechte in unserer Gesellschaft dar. Dass Frauen innerhalb der EU durchschnittlich 13 % weniger verdienen als Männer, zeigt, dass wir uns nicht in einem perfekten System befinden. Aber das sind momentane Umstände, die man nicht so hinnehmen darf. Und um diese sozialen Ungerechtigkeiten geht es am 1. Mai. ArbeiterInnen sollen für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn bekommen, die Einkommensunterschiede innerhalb der Gesellschaft sollen kein gigantisches Ausmaß annehmen.
Auch wenn traditionelle ArbeiterInnenbewegungen aus der Mode fallen, heißt das nicht, dass der Kampf um Arbeitsrechte weniger relevant wird. Auch wenn weit rechte Kräfte erstarken, die durchaus nicht das Interesse der ArbeitnehmerInnen vertreten und progressives Gedankengut herausfordern, ist es wichtig, grundlegende Rechte am Arbeitsplatz zu gewährleisten. Die anfangs erwähnte „Haymarket affair“ führte zum „Red scare“ in den USA, bei dem potenzielle SozialistInnen aus Bildungseinrichtungen entferntund Gewerkschaften entmachtet wurden. Bis heute prägt diese manische Angst vor linken Ideen die politische Landschaft Amerikas. Ein weiterer Grund dafür, warum es wichtig ist, dass wir in Europa nicht auch eine ähnliche Abneigung gegenüber grundlegenden Menschenrechten entwickeln, weil sie „potenziell sozialistisch“ sein könnten.
Wir brauchen den 1. Mai also definitiv immer noch. Die Forderungen der damalig aufleuchtenden Arbeiterbewegung haben sich vielleicht geändert, das zentrale Thema der Veränderung ist aber immer noch dasselbe. Denn arbeiten müssen wir alle. Es geht aber darum, die besten Bedingungen für arbeitende Personen zu schaffen. Wir haben schon viel erreicht, dennoch haben wir als demokratische Gesellschaft die Verantwortung dafür zu sorgen, dass wirklich jeder fair und gerecht behandelt wird, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, sexueller Orientierung. Und dafür steht der Tag der Arbeit. Wer Arbeit leistet, soll gerecht entlohnt werden und diese unter fairen Bedingungen verrichten können. Darum: Geht auf die Straße! Macht euch für eure Rechte laut, für eine glaubwürdige, aufrechte Arbeitswelt!



