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Ein Baum gegen das Vergessen


Wie ein Kaki-Baum aus Nagasaki zum Friedenssymbol in Graz wurde

Am gestrigen Mittwochvormittag, am 14.05.2025, wurde im Grazer Augarten ein außergewöhnliches Zeichen des Friedens gesetzt: Mit einer feierlichen Zeremonie wurde ein Kaki-Baum gepflanzt – der 265. seiner Art in Europa und erst der dritte in Österreich. Es handelt sich um einen direkten Nachkommen jener Kaki-Bäume, die den Atombombenabwurf auf Nagasaki im Jahr 1945 überlebt haben. Die sogenannte „Überlebenspflanze“ befand sich nur rund zwei Kilometer vom Epizentrum entfernt, wurde schwer beschädigt – und trieb dennoch im Folgejahr erneut aus. Dieses stille, aber eindrucksvolle Zeichen der Resilienz wurde zum Ursprung eines weltweiten Friedensprojekts. (1)

In Graz wächst nun ein Spross dieser besonderen Mutterpflanze weiter – die Pflanzung wurde von der Grazer Initiative für Frieden und Neutralität (GIFFUN) in Kooperation mit dem Verein „Nagasaki-Brescia Kaki Tree Project for Europe“ (ETS) und der Stadt Graz umgesetzt. Ziel dieses Projekts ist es, junge Generationen durch Kunst, Erinnerung und Natur zur Auseinandersetzung mit Krieg, Frieden und Verantwortung zu inspirieren.(2)

Die begleitende Tafel im Augarten erinnert eindrucksvoll daran, dass dieser Baum nicht nur aus der Geschichte herauswächst, sondern auch in die Zukunft hineinweist – als lebendiges Symbol für Hoffnung, Erneuerung und eine gemeinsame friedliche Vision. Unterstützt wurde die Veranstaltung vom Friedensbüro Graz, Grazer Frauenrat, Menschenrechtsbeirat der Stadt Graz,
Migrant:innenbeirat der Stadt Graz, Bezirksvertretung Jakomini.

Die Zeremonie begann um 10:55 Uhr mit einer musikalischen Einstimmung durch Lothar Lässer. Um 11:00 Uhr folgte ein berührender Gesang von Michiko Echigoya, der den Opfern der Atombombenabwürfe gewidmet war. Dabei trug sie das traditionelle japanische Volkslied (Original):「ふるさと」, auf Deutsch: Furusato („Heimat“) vor, dessen erste Strophe wie folgt lautet:(3)

Japanisch (Original): Transkription (Rōmaji):
兎追いしかの山 (Usagi oishi kano yama
小鮒釣りしかの川 Kobuna tsurishi kano kawa
夢は今もめぐりて Yume wa ima mo megurite
忘れがたきふるさと Wasuregataki furusato)

Deutsch (Übersetzung):
Den Berg, wo ich einst Hasen jagte,
Den Fluss, wo ich kleine Fische fing,
Diese Träume kehren immer wieder,
Unvergesslich bleibt mir meine Heimat.(4)

Dieses Lied berührte die Zuhörenden tief: Es erinnerte daran, wie kostbar Heimat, Kindheit und Frieden sind – und wie sehr sie bewahrt und geschützt werden müssen. Der Wunsch nach Frieden und Geborgenheit ist universell und verbindet Generationen, Kulturen und Kontinente.

In ihren Begrüßungsworten hoben Elfi Gaisbacher, von der Grazer Initiative für Frieden und Neutralität (GIFFUN), die internationale und interkulturelle Bedeutung dieses Projekts hervor und und Mag.a Julia Kölbl übersetze für die Gäste ins Italienische. Francesco Foletti, Präsident des ETS, und Alessandra Vencato gaben einen bewegenden Einblick in die Geschichte und Vision des Projekts, das junge Menschen in ganz Europa dazu ermutigt, sich mit Frieden und historischer Verantwortung auseinanderzusetzen. Auch Vizebürgermeisterin Mag.a Judith Schwentner unterstrich in ihrem Grußwort die Wichtigkeit solcher Initiativen gerade in Zeiten, in denen der Krieg in Europa wieder nahe gerückt ist.

Der eigentliche symbolische Akt – die Baumpflanzung – erfolgte um 11:30 Uhr. Gleichzeitig präsentierten Schüler:innen der Praxisvolksschule am Hasnerplatz sowie des BG/BRG Klusemannstraße Friedensbotschaften und kreative Beiträge.

Besonders eindrucksvoll waren dabei die, unter der Leitung Mag.a Angela Bäcks gestalteten, japanischen Lampions der Lernenden: Sie trugen Botschaften des Friedens, der Trauer und der Hoffnung. Einer zeigte zerbombte Gebäude mit aufsteigendem Rauch – doch daraus entfalteten sich farbenfrohe Schmetterlinge in dreidimensionaler Form, die oben aus dem Lampion hervortreten. Es war ein leuchtendes Sinnbild dafür, dass aus Trümmern neues Leben erwächst – das nach der Dunkelheit wieder Licht wird.

Symbolisch wurden auch kleine Origami-Kraniche von einem gebastelten Kaki-Zweig herabgehängt. Sie erinnerten an zarte Früchte der Versöhnung, die langsam heranreifen – getragen vom Willen der nächsten Generation, Frieden bewusst zu gestalten. Wie Papier in eine neue Form gefaltet wird, so lässt sich auch Geschichte wandeln – mit Sorgfalt, Geduld und Menschlichkeit.

Auch die Kindergartengruppe Friedrichgasse, unter der Leitung von Tina Pertl, beteiligte sich mit einem Lied, begleitet von Gitarrenklängen – ein weiterer bewegender Beitrag der jüngsten Teilnehmer:innen.

Im Anschluss an die Pflanzung richtete Bürgermeisterin Elke Kahr eindrückliche Worte an die Anwesenden. Sie betonte die tiefe symbolische Bedeutung dieses besonderen Ortes und erinnerte daran, dass ein solcher Baum nicht nur ein Zeichen sei, sondern auch eine Verantwortung mit sich bringe. Die Stadt Graz sei nicht nur verpflichtet, dem Baum Raum zu geben, sondern müsse sich auch dauerhaft um ihn kümmern – als Zeichen des aktiven Friedenswillens.

Dabei spannte sie den Bogen vom Leid zur Hoffnung, vom Krieg zur Verantwortung. Der Baum, sagte sie sinngemäß, stehe für einen ewigen Kreislauf: Aus der Asche der Zerstörung erwächst neues Leben. Erde, Erinnerung, Zukunft – vereint in einem lebendigen Symbol. Der Baum sei Mahnmal und Versprechen zugleich: dass aus Schmerz Frieden wachsen kann.
Zum Abschluss stimmte der GIBS-Oberstufenchor unter der Leitung von Mag.a Katja Pehsl Friedenslieder an, die die Veranstaltung musikalisch abrundeten und den Geist der Hoffnung in den Augarten hinaustrugen.

Der gepflanzte Baum wird fortan nicht nur wachsen, sondern auch Zeugnis ablegen – für Resilienz, Versöhnung und Menschlichkeit. Jeder seiner Zweige erzählt vom Überleben seiner Mutterpflanze in Nagasaki, von der Kraft, die aus Zerstörung erwächst, und von der Hoffnung, die Generationen verbindet. Seine Wurzeln greifen tief in die Erde, so wie die Erinnerung an die Schrecken des Krieges tief in der Geschichte verankert ist. Und doch streckt er sich dem Licht entgegen – als lebendiges Mahnmal gegen das Vergessen und als Einladung, gemeinsam Verantwortung für den Frieden zu übernehmen.

Er steht nicht nur für das, was war, sondern auch für das, was sein kann: Ein Symbol dafür, dass selbst aus verbrannter Erde neues Leben hervorgehen kann – wenn wir es pflegen. Ein stiller Wächter im Augarten – gewachsen aus Erinnerung, genährt von Verantwortung, getragen in die Zukunft.

Frieden ist kein Zustand, sondern eine tägliche Entscheidung.

Quellen:
1. vgl. Jüdisches Museum Wien. (2024, Juni 12). Ein Baum als Symbol des Friedens. Abgerufen am 14. Mai 2025, von https://www.jmw.at/news/ein_baum_als_symbol_des_friedens
2. vgl. The Kaki Tree Project, offizielle Website, abgerufen am 14. Mai 2025, https://kakitreeproject.com/english/
3. Liedtext und Hintergrund basierend auf: Furusato (children’s song), Wikipedia, https://en.wikipedia.org/wiki/Furusato_(children%27s_song), abgerufen am 14. Mai 2025.
4. Eigene sinngemäße Übersetzung basierend auf gängigen Versionen.

Bild Copyright: Shaja Vanessa Dalipovic


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