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Burning News – wenn die EU-Berichterstattung ausbleibt


„Was passiert gerade in Brüssel?“ Stirnrunzeln, Schweigen und nachdenkliche Stille – und kein Gedanke in meinem Kopf. Auch das Radio sendet Funkstille, die Zeitung bietet gähnende Leere. Stattdessen breitet sich ein unbehagliches Gefühl in meinem Körper aus. Die EU gestaltet fast jeden Aspekt meines Lebens – von Arbeit und Gesundheit bis hin zum Reisen. Trotzdem habe ich nicht den blassesten Schimmer, was in Brüssel vor sich geht – und da bin ich bestimmt nicht die Einzige. Aber woran liegt das?

Fehlende Routine?
Im Jahr 2023 wurden in der EU schätzungsweise 370 Gesetze beschlossen – das ist im Schnitt ca. ein Gesetz pro Tag. Der Großteil dieser Routine erreicht die EU-Bürger*innen jedoch nicht, denn die neuen Regelungen werden in den Mitgliedsstaaten kaum thematisiert. Auf den ersten Blick erscheint das erschreckend. Diese Problematik wird allerdings klarer, wenn man sie aus der Sicht der Medien betrachtet. Schließlich sind EU-Themen oft komplex und benötigen besonders ausführliche Erklärungen, da das nötige Vorwissen beim Publikum meist nicht vorausgesetzt werden kann. Hinzu kommt, dass die Beamten*innen und Abgeordneten in Brüssel nicht so bekannt wie nationale Politiker*innen sind – dies macht personalisierte Informationen, also Nachrichten, die politische Entscheidungen über bekannte Einzelpersonen vermitteln und so verständlicher und interessanter machen sollen, kaum möglich. Kurz gesagt: Publiziert wird, was gerne gelesen wird, und das sind Themen, welche die Routinephasen der EU betreffen, leider oft nicht.

Wie die Motten zum Licht
Weisen EU-Themen einen Bezug zur innerstaatlichen Politik eines Mitgliedstaates auf, steht die EU dort plötzlich im Rampenlicht. Zahlreiche Journalist*innen pilgern nach Brüssel, um die Auftritte nationaler Politiker*innen bei Treffen von Staats- und Regierungschefs zu dokumentieren. Aufgrund der nationalen Bekanntheit im jeweiligen Mitgliedstaat lassen sich Informationen nun personalisieren; die Geschehnisse der EU erscheinen in der Folge näher und plötzlich relevanter. Die Berichterstattung erfolgt jedoch kaum neutral: Erstens werden Ereignisse oft durch die Linse nationaler Konfliktlinien betrachtet, um den Bezug auf die Bekannten herzustellen. Zweitens erfolgen beispielsweise die Sitzungen des Europäischen Rates unter Ausschluss der Medien. In den Presse-Briefings danach präsentieren die nationalen Delegationen die Geschehnisse aus ihrer Perspektive – und das ist meist eine für sie vorteilhafte Darstellung. Daraus ergeben sich schlussendlich 27 Erzählungen – oder auch 27 nationale Realitäten.

Spiel mit dem Feuer

Am aller häufigsten erreichen uns Nachrichten über Verbote und Skandale. Das ist auch kaum verwunderlich: Negative Nachrichten über die EU verbreiten sich wie Lauffeuer. Schließlich bestätigen sie eine antieuropäische Tendenz, die bei vielen EU-Bürger*innen schon immer vorhanden war. Gleichzeitig entfachen sie Zweifel am europäischen Projekt selbst in denjenigen, die ihm bisher gutgesinnt waren. Charlotte Galpin und Hans-Jörg Trenz, die die Berichterstattung zur Wahl des Europäischen Parlaments 2014 auf den wichtigsten Online-Nachrichtenportalen in Deutschland und – damals noch EU-Mitglied – Großbritannien untersuchten, sprachen sogar von einer „Euroskeptizismus-Spirale“. Sie hielten fest, dass sich das Nachrichtenangebot und die Nachrichtenanfrage an Negativitätskriterien anpassten und sich gegenseitig in der Delegitimierung des europäischen Integrationsprozesses verstärkten. Was publiziert wird, wird also von den Erwartungen der Konsument*innen abhängig gemacht und diese Erwartungen werden in der Folge nicht nur bestätigt, sondern auch bekräftigt.

Journalismus in der Hitze des Gefechts
Selbst wenn uns Nachrichten aus der EU erreichen, fehlt es ihnen oft an Qualität. Denn die meisten Redaktionen im Zentrum der EU-Politik sind chronisch unterbesetzt. Derzeit arbeiten nur 10 Vertreter*innen österreichischer Medien in Brüssel, während deutsche Medien dort rund 100 Journalist*innen beschäftigen. Trotzdem leidet auch die deutsche EU-Berichterstattung unter einer mangelhaften personellen Ausstattung. Für beide Mitgliedsstaaten gilt: Fehlen die Ressourcen, bleibt wenig Zeit für unabhängige Recherche und das Erarbeiten komplexer Themen. Die daraus resultierenden Texte sind oft einseitig und beinhalten manchmal sogar Fehlinformationen.

Fest steht, dass die EU-Berichterstattung mehr als nur ausbaufähig ist. Die Politik in Brüssel ist weit entfernt und nicht direkt erfahrbar – umso wichtiger sind qualitativ hochwertige Beiträge über die dortigen Geschehnisse. Wird die regelmäßige Berichterstattung zur Routine, kann vielleicht auch die Begeisterung der Europäer*innen für die EU wieder neu entfacht werden. Denn nur, wer über die europäische Politik informiert ist, kann sich auch richtig dafür interessieren – und vielleicht sogar dazu motiviert werden, etwas zu verändern.

Quellen:
https://www.fes.de/medienpolitik/artikelseite/schlechte-nachrichten-aus-bruessel-die-medien-und-die-eu
https://uebermedien.de/99421/vielen-medien-fehlt-die-europaeische-perspektive/
https://link.springer.com/article/10.1007/s11614-018-0294-x
https://www.tagesschau.de/europawahl/eu/eu-regulierung-100.html
https://www.bmeia.gv.at/oev-bruessel/presse?utm_source=chatgpt.com


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