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Eltern mit Migrationshintergrund – Ursache oder Beendigung eines Generationentraumas?


„Die verschiedenen Generationen einer Familie sind wie die unterschiedlichen Größen einer Matrjoschka-Puppe: In jeder Person gibt es eigene psycho-emotionale Elemente, die sie definieren, aber auch Teile des emotionalen Schmerzes und der Bewältigungsstrategien ihrer Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und so weiter – Teile, die noch nicht vollständig integriert und gelöst wurden.” 

– Alina Milea, Psychotherapeutin

Viele haben es schon von ihren Freund*innen gehört oder haben vielleicht Witze zu dem Thema im Internet gesehen – wie streng und eigen Eltern mit Migrationshintergrund sein können. Abgesehen davon denken aber nicht viele weiter über dieses Thema nach. Daher ist es für die meisten auch schwer zu verstehen, wie das generationale Trauma einer Person, deren Familie Migrationshintergründe hat, aussieht und was dieses Phänomen auf einer emotionalen Ebene auslösen kann. 

Der Grad der Bekanntheit von Diskursen über Einwanderer und Diskursen über deren Kinder klafft im öffentlichen Raum weit auseinander. Jeden Tag hört man in fast allen Medien über sogenannte Migrant*innen der ersten Generation” – ob positive, neutrale oder negative Perspektiven, alle Nachrichtensender versuchen, einander mit den schnellsten Meldungen darüber zu übertreffen, wie viele Migrant*innen ein Land verlassen oder betreten haben. Jedoch scheint das Interesse an den realen Herausforderungen für diese Individuen zu sinken, sobald sie sich in einem Land in relativer Sicherheit niederlassen können: Von der Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft, den kulturellen Unterschieden und finanziellen Notlagen ist nie wieder die Rede. Es ist daher genau dieser Mangel an Interesse, der die Kinder von Einwanderern betrifft und diese im Diskurs der Öffentlichkeit unsichtbar macht. 

Als Kinder von Migrant*innen müssen viele Personen mit komplexen Gefühlen umgehen, die im Leben von vielen Einheimischen nicht – oder zumindest nicht so oft – vorkommen. 

Dankbarkeit oder emotionale Erpressung: Wie ist das Verhältnis?

Das Phänomen des Generationentraumas in Migrant*innenfamilien ist für den akademischen und psychotherapeutischen Bereich nichts Neues. 

Einerseits gibt es im Elfenbeinturm der akademischen und universitären Welt schon seit langem Diskussionen über die Belastungen und Herausforderungen, die von Kindern von Migrant*innen erfahren werden. Insbesondere handelt es sich aber bei den meisten Artikeln und Studien um BIPOC Individuen, die vorwiegend in den Vereinigten Staaten wohnen, und am häufigsten um die Erfahrungen von Asian-American Personen, die von ihren Eltern einen erpresserischen Druck fühlen, perfekt zu sein. Dies ist aber nicht nur bei dieser Gruppe der Fall – viele Individuen, die mit Eltern mit Migrationshintergrund aufgewachsen sind, berichten über ähnliche Gefühle. 

„Manchmal habe ich das Gefühl, ich könnte nicht dankbar genug sein. Ich würde mich als dankbar einschätzen, aber in Anbetracht dessen, was meine Eltern alles opfern mussten, um nach Deutschland zu ziehen und meinen Geschwistern und mir neue Perspektiven zu eröffnen, scheint meine Dankbarkeit nie genug zu sein. Ich kriege schon immer wieder zu hören, dass sie weniger hatten als ich und ich das mehr schätzen solle.” – M., 22 Jahre alt, wurde in Deutschland zu Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion geboren.

Dankbarkeit wird von Eltern mit Migrationshintergrund immer wieder in großem Maße erwartet: bis zum Punkt hin, wo das Gefühl der Dankbarkeit für ein Kind schon mit Schuldgefühlen synonym werden kann. Wenn bestimmte Regeln, die von den Eltern gesetzt wurden, nicht eingehalten werden, dann kann die hohe Erwartung von Dankbarkeit gleich zu einem Instrument emotionaler Erpressung werden. Dazu äußert sich auch ein anderes Kind von Eltern mit Migrationshintergrund:

„Die Hoffnung, dass sie ihren Kindern ein gutes Leben mit guten Chancen bieten können, ist eines der Dinge, die sie am Leben erhalten hat. Daher fühlt es sich wie eine Pflicht und eine Schuld an, die abgegolten werden muss, andernfalls schleicht sich ein immenses Maß an Schuld ein. Wenn man weiß, was die eigenen Eltern alles durchgemacht haben, ist es fast unvermeidlich, dass Kinder von Einwanderereltern so empfinden. Der Satz »Denk an alles, was wir für dich getan haben« ist ein Klassiker, der in verschiedenen Szenarien immer wieder auftauchte und nur noch mehr Schuld und Scham hervorrief.” – K., 23 Jahre alt, wurde zu bosnischen Kriegsflüchtlingen in Österreich geboren.

Andererseits werden im Bereich der Psychotherapie diese Probleme von Expert:innen viel öfter und viel offener anerkannt – und das, ohne irgendeine bestimmte Gruppe besonders in Diskussionen hervorzuheben. Dieses Thema haben wir daher auch mit Psychotherapeutin Alina Milea besprochen, die sich schon seit mehreren Jahren auf kognitive Verhaltenstherapie und vor allem Compassion-Focused-Therapy in ihrer Praxis konzentriert. Sie erkennt in der komplexen Dynamik der Dankbarkeit in Migrant*innenfamilien viele Möglichkeiten für emotionale Weiterentwicklung, sowohl für die Eltern als auch für die Kinder. Ihre Meinung zum Thema Dankbarkeit ist wie folgt:

„Die Praxis der Dankbarkeit ist äußerst förderlich für das mentale Wohlsein. Allerdings gelingt es nur sehr wenigen Menschen, Dankbarkeit auf natürliche Weise zu praktizieren. Unser Gehirn wurde im Laufe der Evolution darauf programmiert, Gefahren zu erkennen, wir orientieren uns an dem, was schief läuft, und weniger an dem, was in unserem Leben gut läuft. Dankbar sein bedeutet, sich auf das Gute zu konzentrieren – jedoch hat die Tendenz der meisten Eltern, von ihren Kindern bedingungslose Dankbarkeit zu erwarten, meistens den gegenteiligen Effekt. Die Praxis der Dankbarkeit wird durch Vorbilder erlernt, und wenn Kinder sehen, dass ihre Eltern dankbar sind, wird dieses Gefühl auch in ihnen aufblühen.”

Wenn dein Heimweh mir auch weh tut

Eine weitere innere Zerrissenheit, die oft in Kindern von Migrant*innen vorkommt, ist der heftige Widerspruch zwischen dem Heimweh, das man für die Heimat der Eltern empfindet, und der Frustration, dass problematische Aspekte dieser Länder auch in den eigenen Eltern erkennbar sind. Einen hilfreichen Einblick, um diesen inneren Konflikt besser zu verstehen, gibt uns auch in diesem Fall Dr. Alina Milea: 

„Der Umzug in ein fremdes Land benötigt eine große Umstellung. Um diese Anstrengung zu bewältigen, müssen die Menschen psychologisch flexibel sein. Es ist nicht leicht, die Identität und die Werte des Umfelds, in dem man geboren und aufgewachsen ist, beizubehalten und gleichzeitig neue Bräuche, Überzeugungen und Werte zu integrieren. Kinder sind psychologisch flexibler und können sich leichter anpassen, wenn sie von ihren Eltern unterstützt werden. Wenn die Eltern aber starrer sind und der Anpassungsprozess langsam und schwierig verläuft, kann sich dies auf die psycho-emotionale Entwicklung des Kindes auswirken. Das Kind wird vor die Wahl gestellt, sich entweder an die neue Umgebung anzupassen oder den Eltern treu zu bleiben.”

Diese Flexibilität kann es aber auch leicht machen, sich “kulturlos” zu fühlen, sagt M. Sie erklärt auch, dass sie sich, obwohl sie ihr ganzes Leben lang nicht nur inmitten der deutschen Kultur war, sondern auch viel Kontakt zur Kultur ihrer Eltern hatte, in keiner Kultur zu 100 % heimisch” fühlt. Dieses Gefühl teilt auch K.: „In Österreich nennt man mich Kroate, in Kroatien nennt man mich Österreicher.”

Es ist unmöglich zu bestreiten, dass Eltern mit Migrationshintergrund bestimmte Werte und Ideale in sich tragen, mit denen sie aufgewachsen sind. Doch insbesondere in Fällen von Kindern, die mit diesen Werten nicht einverstanden sind oder deren Lebensweisen mit diesen Ideen gar nicht übereinstimmen, kann dieses (emotionale) Extra-Gepäck, das von den Eltern aus ihrem Heimatland gebracht wurde, sehr viele Schäden verursachen. Am häufigsten ist dies bei queeren Kindern der Fall: Ihre Identität stoßt meistens mit den vorwiegend konservativen Werten z.B. der meisten osteuropäischen Länder zusammen, also brauchen Eltern, die mit diesen Werten aufgewachsen sind, einen sehr vielfältigen Lernprozess hin zur bedingungslosen Akzeptanz. Dazu äußert sich auch K.:

„Homosexualität ist, zum Beispiel, in diesen Kreisen meist nicht willkommen. Leute werden andere deswegen nicht verletzen, aber sie ziehen es vor, sich davon fernzuhalten und es ganz zu vermeiden. Wie in den meisten osteuropäischen Ländern wird der Begriff »schwul« häufig als Schimpfwort verwendet und ist stark negativ konnotiert. Solche Sachen haben das Potenzial, das Identitätsgefühl einer Person stark zu beeinträchtigen. Diese Erwartungen und Ideale in Verbindung mit einem Gefühl des Stolzes auf die Nation, der man angehört, führen dazu, dass man es als Verrat an seiner Familie, seinem Land und seinem Gott empfindet, wenn man ihnen nicht entspricht.”

Darf ich hier überhaupt glücklich sein?

Als Ergebnisse dieser inneren Konflikte bieten sich oft sehr komplexe Schuldgefühle dar. Diese werden hauptsächlich auch dadurch erhöht, dass in den meisten Fällen – oder zumindest in den Fällen der für diesen Artikel befragten Personen – ein besseres oder gemütlicheres Leben geführt werden kann, als das, was im Heimatland der Eltern möglich wäre. Da nur sehr selten Migrant*innen ohne einen konkreten und vor allem akuten Grund ihre Heimatländer verlassen, ist es selbstverständlich, dass ihren Kindern ein zu einem bestimmten Maß besseres Leben in einem anderen Land versichert wird. Aus diesem Grund haben die Kinder von Migrant*innen nicht nur ein besseres Leben als ihre Eltern in ihrer Kindheit, sondern sogar ein besseres Leben als Bekannte oder andere Familienmitglieder, die nicht dieselbe Chance hatten, das Land zu verlassen. 

„Menschen/Familien, die gleichzeitig mit meinen Eltern damals weggegangen sind, hatten alle eine recht ähnliche Situation. Finanzieller Notstand, Arbeitslosigkeit, eine Familie zu ernähren. Was sie jeweils »aus sich gemacht« haben, entschied sich erst im Verlauf ihres weiteren Schicksals. Meine Eltern haben in Deutschland vieles in ihre eigenen Hände genommen (…). Manchmal fühle ich mich schuldig, dass ihre Mühe mehr etwas für mich getan hat als für sie selbst. Sie arbeiteten ihr Leben lang hart, damit ich nun mehr von der Welt sehen kann, in Wien studieren kann etc.” – M.

Ein ähnliches Gefühl wird auch von anderen Kindern von Migrant*innen empfunden, wie zum Beispiel im Fall von K.:

„Das Imposter-Syndrom und das Survivor’s Guilt sind reale Probleme für mich. Das Gefühl, ein schwaches und weinerliches Kind zu sein, wenn man ein Problem hat, das nicht so groß ist wie das, seine Heimat zurücklassen oder in einem Krieg kämpfen zu müssen, gibt einem das Gefühl, dass alles, was einem Probleme bereitet, nicht der Rede wert ist. Man dürfte es nicht als Problem bezeichnen und negative Gefühle empfinden, weil man es besser hat. Man soll glücklich und zufrieden mit allem sein, was man hat, aber man fühlt sich auch schuldig, weil man es hat. Wie können eine nicht bestandene Prüfung, für die man hart gelernt hat, Probleme im sozialen Umfeld oder andere alltägliche Kämpfe damit konkurrieren, dass man der Möglichkeit beraubt wurde, all das zu erleben, selbst wenn es negativ ist?”

Schlussfrage: Ursache oder Beendigung?

Es wäre unmöglich – und auch objektiv betrachtet schlicht falsch – eine definitive, einseitige Schlussfolgerung zu ziehen: Der scheinbar leichten Frage, ob Eltern mit Migrationshintergrund Generationentraumata eher verursachen oder beenden, kann keine einfache Antwort entgegengestellt sein. 

Die Wahrheit ist: Sie tun beides. 

Einerseits ist es unbestreitbar, dass die Lebensqualität der Kinder von Migrant*innen im Vergleich zum Leben der Eltern definitiv höher ist. Wenn man aus einem Land mit einem niedrigen Einkommensniveau und vielfachen Menschenrechtsverletzungen wegzieht, um der eigenen Familie in einem soziopolitisch stabilen Land ein besseres Leben zu versichern, dann kann nur von einer allgemeinen Verbesserung der Lebensqualität die Rede sein – und daher auch von einer definitiven Beendigung mancher Traumata, mit denen sich die nächsten Generationen nie konfrontiert sehen werden. B., die Tochter einer Migrantin aus China, gibt zu: „Die Erziehung, mit der ich aufgewachsen bin, war nicht ideal, aber es ist eine Verbesserung im Vergleich zur Erziehung, die zum Beispiel meine Mutter von meiner Großmutter bekommen hat.”

Andererseits ist es wichtig, die realen Traumata anzuerkennen, die Kinder von Migrant*innen in ihrem Leben bewältigen müssen. Dankbarkeit gegenüber den Eltern, weil sie eine für ihre Kinder sehr gute Entscheidung getroffen haben, darf nicht die spezifischen Traumata, die die Eltern auch ihrerseits verursacht haben, invalidieren. 


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