Kenne deine Rechte

Besser diskutieren: Starkes Auftreten gegen Vorurteile, Stammtischparolen und Co.


Wenn die Welt in Aufruhr ist, steigt das Bedürfnis, aktuelle Ereignisse mit anderen zu diskutieren. Dabei stoßen schnell grundlegende Wertevorstellungen aneinander. Die eigenen Überzeugungen ruhig und sachlich zu besprechen, ist nicht leicht, lässt sich aber glücklicherweise lernen. Hier also ein kleiner Guide, mit denen du die nächste Diskussion gekonnt meisterst.

Richtig diskutieren: Das ist nicht nur in Schule oder Uni gefordert, sondern mindestens genauso oft im Alltag. Bei Gesprächen zur Gerechtigkeit, dazu, wie wir uns die Welt vorstellen, und zu den aktuellen Geschehnissen im In- und Ausland werden unsere Überzeugungen auf die Probe gestellt. Wer da den eigenen Standpunkt sicher vertreten kann, leistet einen entscheidenden Beitrag dazu, die Welt ein kleines Stück besser, gerechter und menschenrechtsfreundlicher zu machen. Hier ein paar Beispiele und Tipps, wie der Dialog gelingt:

„Zahl erst mal Steuern, Mädel, bevor du meinst, wir sollen die ganzen Flüchtlinge aufnehmen!“

Zunächst einmal tief durchatmen und ruhig bleiben. Diskussionen sind Stresssituation – umso mehr, wenn das Gegenüber auf Provokation setzt. Hier solltest du abwägen, ob ein Gespräch überhaupt sinnvoll ist und gegebenenfalls Grenzen setzen. Unter sinnlose Provokation fällt nämlich auch das Absprechen von Kompetenz auf Basis von Alter, Geschlecht, Hautfarbe oder anderen persönlichen Merkmalen.

„Wenn wir dieses Thema (weiter) diskutieren wollen, dann sollten wir das auf einer sachlicheren Ebene tun. Mein Alter und Einkommensstatus tun hier nichts zur Sache.“

“Frauen arbeiten halt einfach weniger als Männer, da ist es ja klar, dass sie weniger verdienen.“

Diesen Aussagen begegnest du am besten mit Fakten. Dazu musst du kein wandelndes Lexikon zu allen tagespolitischen Themen sein, aber gerade zu medial sehr präsenten Themen kursieren zahlreiche Fehlinformationen, die zur Meinungsbildung herangezogen werden. Je besser du dich also auskennst, desto effektiver kannst du die Situation im Gespräch richtig darstellen.

„Es stimmt nicht, dass Frauen nur aufgrund vermehrter Teilzeitarbeit weniger verdienen. Kennst du die bereinigte Gender-Pay-Gap? Da geht’s um …“

“Wenn die jetzt alle kommen, nehmen uns die die Jobs weg! Bei meinem Bruder, da war das so: …“

Hast du im Kopf schon das Gegenargument vorbereitet, statt zuzuhören? Das hilft niemandem. Hör lieber aufmerksam zu und versuche dabei, die sachliche Informationsebene von der emotionalen Gefühlsebene zu trennen. Auf der emotionalen Ebene finden sich oft ganz gewöhnliche Ängste als Basis augenscheinlich logischer Argumente.

„Du machst dir also Sorgen um die Arbeitsmarktsituation? Das verstehe ich, allerdings hat die Zuwanderung hier keinen negativen Effekt.

Auf der Sachebene kann der/die aufmerksame Zuhörer:in ein Argument in seine Bestandteile zerlegen, um effektiv darauf zu reagieren. Oft folgen Menschen bestimmten rhetorischen Mustern, stellen beispielsweise das „Wir“ den „Anderen“ gegenüber. Auch die Entstehung von Vorurteilen zu verstehen kann dabei helfen, diese zu entkräften.

„Woher hast du diese Information? Was soll „uns“ denn von „denen“ unterscheiden?“

„Wenn meine Familie das nächste Mal anstrengend ist, geh ich auch nach Deutschland und verlang Asyl – kriegt ja eh schon jeder.“

Witze und Parolen wie diese funktionieren deshalb so gut, weil ihre abwertende Kernaussage versteckt und zugleich offensichtlich ist, und sowieso eh klar ist, dass alles nur überspitzt ist.  Sprache schafft aber Realität, auch indirekt. Bitte dein Gegenüber also, sich direkt und klar zu erklären und damit zu den eigenen Vorurteilen zu stehen, dann kannst du auch widersprechen.

„Das versteh ich jetzt nicht – meinst du, du würdest in Deutschland Flüchtlingsstatus bekommen?“

“Diese ganzen Ausländer mit den vielen Kindern! Die nehmen uns die Jobs weg, und der Staat kann sich das ja auch alles nicht mehr lang leisten.“

Statements wie diese enthalten bei genauerer Betrachtung einen Widerspruch. Zur besseren Erklärung ein kleiner Exkurs in die Logik: Ein logisches Argument besteht aus mehreren Prämissen (Voraussetzungen) und einer Conclusio (logischer Schluss). Die Prämissen sollten sich nicht widersprechen oder widerlegen. Steckt in einem Argument ein Widerspruch, kannst du dort besonders leicht einhaken und klarstellen, dass ein Fehler in der Logik steckt.

„Einerseits sagst du, dass Immigranten das Sozialsystem belasten, andererseits dass sie anderen die Jobs wegnehmen. Das ist  unstimmig.“

„Eh klar, bei Fridays For Future laut schreien, aber dann trotzdem Avocado-Toast essen. Die brauchen viel zu viel Wasser!“

Diese rhetorische Strategie heißt Whataboutism, und zielt darauf ab, das Gegenüber unglaubwürdig zu machen oder schnell das Thema zu wechseln, wenn man sich in die Enge getrieben fühlt. Um das Gespräch noch zu retten, gilt es, höflich, aber bestimmt, bei der Sache zu bleiben und der/dem Anderen die Chance zu geben, die Defensive wieder zu verlassen. Es geht schließlich nicht ums Gewinnen, sondern um konstruktiven Ideenaustausch.

„Können wir bitte bei einer Sache bleiben? Wir können nachher gerne auf meinen Avocadokonsum zurückkommen, aber jetzt waren wir gerade beim Thema Fridays For Future.“

“Wen meine Meinung hier triggert, der kann ja wegklicken, das Internet gehört uns allen.“

Es ist allerdings kein rechtsfreier Raum, Hassrede ist eine Straftat und gehört gemeldet. Generell lässt du besser die Finger von Twitter-Wars und Co. Maximal 240 anonym abgesendete Zeichen sind wirklich keine Basis für ein konstruktives Gespräch. Statt um Nuancen geht’s auf Social Media meist nur um Kontroversen. Spar dir deine Energie für‘s Leben offline!

“Man wird ja wohl noch fragen dürfen!“

Ganz grundsätzlich eine Erinnerung zum Schluss: Du schuldest niemandem deine Energie oder eine Erklärung; eine Diskussion ist nämlich nicht immer ein Gewinn. Gerade wenn es um Themen geht, die sehr persönlich für dich oder andere Anwesende sind, solltest du abwägen, ob eine Prinzipiendebatte jemanden in eine unsichere Situation bringen könnte.

„Ich will das gerade nicht diskutieren, vielleicht ein andermal. Können wir nicht über etwas anderes sprechen?“

Zugegeben, richtiges Diskutieren ist anstrengend und erfordert den ehrlichen Versuch, das Gegenüber zu verstehen. Trotzdem ist das Recht auf offenen Dialog nicht selbstverständlich. Sind wir also in einer Situation, in der wir durch unser Geschlecht, unsere Hautfarbe oder Herkunft oder unseren sozioökonomischen Status so privilegiert sind, unsere Meinung frei äußern zu können, dürfen wir nicht schweigen. Das schulden wir all jenen, deren Rechte tagtäglich hinterfragt oder mit Füßen getreten werden. Menschenrechte sind menschengemacht – und zu ihrer Wahrung müssen wir alle etwas beitragen.

Zum Weiterlesen:

„Das Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten“ – Sorority

„Sprich es an: Rechtspopulistischer Sprache radikal höflich entgegentreten“ – Diskursiv

„Vorurteile: Ursprünge, Formen, Bedeutung“ – Anton Pelinka (z.B. aus der Unibibliothek)


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