Kenne deine Rechte

Babyelefant vs. Känguru + Schwanz


Mit den geplanten Öffnungsschritten der Gastronomie, des Tourismus und des Kultursektors steigt die Vorfreude auf eine Rückkehr zur Normalität, aber auch die Angst vor einer kommenden vierten Welle. International schneidet Österreich im Kampf gegen das Coronavirus vergleichbar schlecht ab. Australien war eines jener Länder, die ein wahres Händchen für die notwendigen Entscheidungen gezeigt haben. Doch welche Maßnahmen sind tatsächlich zielführend? Und könnte Australien auch für Österreich ein Musterbeispiel sein?

Die Menschen “Down Under” leben mittlerweile fast schon wieder in der alten Normalität. Mit “nur” 30.000 Infektionen und 910 Todesfällen seit März 2020 hat das Land mit gut 25 Millionen Einwohner:innen die Krise sehr gut überstanden. So gut, dass dort bereits seit Wochen die Gastronomie geöffnet ist und Veranstaltungen mit Publikum abgehalten werden dürfen. Masken werden selbst in öffentlichen Gebäuden kaum mehr verlangt, einzig um einen Abstand von 1,5 Metern – oder die Länge eines Kängurus mit Schwanz – wird gebeten.

In Österreich ist die Lage jedoch ganz anders. Mit nachgewiesenen Fällen der britischen, südafrikanischen, brasilianischen und seit neuestem auch der indischen Mutation ist der berühmte Babyelefant auf 2 Meter angewachsen, Stofffetzen mussten FFP2-Masken weichen und dennoch war in den letzten Monaten vieles geschlossen. 610.000 Infektionen und über 10.000 Todesfälle bei nicht einmal 9 Millionen Einwohner:innen ist schockierend. Doch was hat Australien so anders gemacht?

Living in the land down under

Australien hat eines der weltweit besten Konzepte hinsichtlich der Reaktion auf Corona. Mit harten Lockdowns bei nur geringen Neuinfektionen und einem ausgeklügeltem Contact-Tracing-System konnte schon früh eine Verbreitung des Virus in der Gesellschaft verhindert werden. Auch das strenge Testen und die 14-tägige Quarantäne für alle Eingereisten in das sonst abgeschottete Land scheint sehr effektiv zu sein. Die einzelnen Bundestaaten sind im Gegensatz zu Österreich autonomer und können strengere und striktere Maßnahmen für einzelne Regionen oder Städte bestimmen. Auch das Reisen innerhalb des Landes wird mit sogenannten “border passes” streng kontrolliert.

Dennoch stößt auch die australische Regierung mit ihren Beschlüssen auf Kritik. So wurde in den letzten Wochen die Entscheidung, Australier:innen aus Indien nicht mehr einreisen zu lassen und diese zu bestrafen, falls sie es versuchen, heftig kritisiert und verdammt.  Zu Recht. Menschenrechtler:innen haben dieses Einreiseverbot als menschenrechtsverletzend und rassistisch bewertet. Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat ihre Bedenken zu dieser Verordnung geäußert. Viele beschreiben diese Maßnahme als widerlich, schrecklich und grausam. Denn den eigenen Landsleuten, die sich gerade in einem Corona-Hotspot-Land befinden, das täglich negativ-Rekorde bricht, das Heimreisen ins eigene Land zu verweigern, ist schlichtweg falsch.

Home sweet Home

Hierzulande hat man anfangs ein sehr erfolgreiches Programm gegen das Virus gefahren. Mit einem rigorosem ersten Lockdown im März 2020 konnten Neuansteckungen gering gehalten werden. Doch nach zwei locker implementierten Lockdowns im Herbst und über den Winter, die die Neuinfektionen nur mäßig senken konnten und in denen die Kontaktverfolgung teilweise komplett versagte, sind wir nun an einem Punkt an dem Impf-, Lockdown- und Coronagegner:innen vermehrt durch die Straßen marschieren und das Sinken der Ansteckungszahlen nur langsam voran schreitet.

Auch hier stehen viele Maßnahmen und Entscheidung zur Bekämpfung des Virus unter der scharfen Kritik von Menschenrechler:innen. So weist Amnesty International darauf hin, dass seit Monaten in ganz Österreich de facto ein Versammlungsverbot herrscht, die Meinungs-, Presse-, und Informationsfreiheit stark eingeschränkt ist und soziale sowie wirtschaftliche Ungleichheiten durch Beschlüsse gefördert werden. Die Grundrechteagentur der Europäischen Union äußerte ebenfalls ihre Bedenken und verwies auf die verheerende Lage vieler Kinder, die durch diese Zeit meist unbegleitet schreiten müssen.

Voneinander lernen

Abschließend stellt sich die Frage, was wir Ösis von den Aussies lernen könnten. Denn auch wenn es einer Insel leichter fällt, sich von der Welt abzuschotten, hat Australien bewiesen, dass mit einer scharfen und strikten Reaktion auf lediglich wenige Neuinfektionen die Weiterverbreitung sehr wohl verhindert werden kann. Konsequente Anmeldepflichten bei Restaurants, Konzerten und Vorstellungen helfen, Infektionen zu lokalisieren und nachzuverfolgen.

Aber nicht nur mit behördlichen Maßnahmen konnte Australien im Vergleich brillieren, denn auch der Umgang der Bevölkerung mit dieser Situation ist mustergültig. Trotz, oder vielleicht auch gerade wegen den häufigen zeitlich und örtlich begrenzten Lockdowns, zeigen die Einwohner:innen großes Verständnis gegenüber vielen Maßnahmen. Impfgegner:innen und Coronaleugner:innen sind dort eine Seltenheit. Österreich und ganz Europa könnten sich hiervon gerne eine Scheibe abschneiden.

Weg vom Wettbewerbsdenken

Doch warum eigentlich dieser Vergleich? Es ist an den Äußerungen vieler nationaler, aber auch internationaler Organisationen und an den Zahlen und Fakten offensichtlich, dass in Österreich vieles falsch entschieden wurde. Aber solche Fehler gab es weltweit, teilweise auch in Australien. Der Kampf gegen COVID-19 ist kein Wettstreit der Nationen. Es gibt keinen „perfekten“ Weg diese Pandemie einzudämmen. Denn auch wenn die Währung des Rechts auf Gesundheit in Zeiten wie diesen wichtig ist, dürfen andere Menschenrechte dennoch nicht vernachlässigt werden. Man sollte eine klare Linie festsetzen und an dieser festhalten, wie es die Aussies uns vorzeigen. Ein Sprichwort sagt: Fehler sind zum Lernen da. Wir sollten aus den eigenen Fehlern, wie aus denen anderer lernen, doch dafür fehlt meist der erste Schritt: Eingeständnis.

Quellen

https://www.amnesty.at/news-events/9-forderungen-zu-1-jahr-corona/ [Zugriff: 12. Mai 21]

https://www.amnesty.at/news-events/amnesty-analyse-soziale-menschenrechte-und-covid-19/ [Zugriff: 12. Mai 21]

https://www.bloomberg.com/graphics/covid-resilience-ranking/ [Zugriff: 12. Mai 21]

https://www.gtai.de/gtai-de/trade/specials/special/australien/australien-erholt-sich-von-der-coronakrise-236276 [Zugriff: 11. Mai 21]

https://interactives.lowyinstitute.org/features/covid-performance/ [Zugriff: 11. Mai 21]

https://www.sn.at/politik/weltpolitik/eu-grundrechteagentur-sieht-coronakrise-als-gefahr-88748923 [Zugriff: 12. Mai 21]

https://www.sueddeutsche.de/politik/australien-corona-indien-einreise-quarantaene-1.5281119 [Zugriff: 11. Mai 21]

https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/ein-fall-totale-abriegelung-so-schuetzt-australien-die-gesamte-bevoelkerung-gegen-das-coronavirus/ [Zugriff: 11. Mai 21]

 

 


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