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Krieg im Jemen – Teil 2: Warum wird über diesen Krieg kaum gesprochen?


Der militärische Konflikt im Jemen findet in der westlichen Welt wenig Beachtung. Selten wird das Thema von den Medien aufgegriffen; selten werden die systematisch verletzten Menschenrechte in der Öffentlichkeit diskutiert. Viele Europäer:innen wissen nicht, dass im Jemen überhaupt Krieg herrscht. Es wird ignoriert, dass sich dort die derzeit größte humanitäre Krise der Welt zuträgt. Warum werden die Menschen im Jemen vom Westen vergessen? Teil 2/3.

Die humanitäre Katastrophe und der Krieg im Jemen sind in westlichen Medien kaum präsent. Die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit liegt auf anderen Krisenherden. Bemühungen von Hilfsorganisationen scheitern oft an dieser mangelnden Solidarität. Das erschwert die Unterstützung dort lebender Menschen und lässt den Konflikt unvermindert weitergehen.

Für Europa hat der Krieg im Süden der Arabischen Halbinsel nicht denselben Stellenwert, wie andere bewaffnete Auseinandersetzungen. In den vergangenen zehn Jahren kamen über eine Million Flüchtlinge aus den Konfliktgebieten in Syrien oder im Irak nach Europa.[1] Dortige Ereignisse haben angesichts dieser Fluchtbewegungen direkten Einfluss auf das Leben der europäischen Bevölkerung und sind für die Berichterstattung im Westen hoch relevant. Die Zahl der in Europa angekommenen Jemenit:innen beträgt hingegen nur wenige Tausend. Sie spielen verglichen mit Millionen Menschen anderer Herkunft eine untergeordnete Rolle. Daher ist auch das mediale Interesse am Jemen wesentlich geringer.[2]

Gefangen im eigenen Land

Es ist der geografischen Lage des Landes geschuldet, dass nicht mehr Menschen die Flucht aus dem Kriegsgebiet gelingt. Im Norden besteht zu Saudi-Arabien die mit 1458 Kilometern längste Landgrenze des Jemen. Sie ist seit Beginn des Konflikts geschlossen und kann daher nicht von Flüchtlingen überquert werden. Zum Sultanat Oman existiert eine Landgrenze im Osten. Auch diese ist für Jemenit:innen unpassierbar, allerdings werden im Krieg verletzte Menschen teilweise zur Behandlung in den Krankenhäusern des Oman aufgenommen.

Die einzig realistische Möglichkeit den Jemen zu verlassen, ist eine Flucht per Boot über das Rote Meer oder über den Golf von Aden. Diese Routen werden aber nur spärlich genutzt, da am gegenüberliegenden Ufer die afrikanischen Staaten Eritrea, Dschibuti und Somalia liegen. Sie zählen zu den ärmsten Ländern der Welt, sind von vergangenen und gegenwärtigen Bürgerkriegen zerstört und bieten teils noch schlechtere Lebensbedingungen als der Jemen selbst. Der Versuch einer Flucht nach Europa ist für Jemenit:innen also nahezu aussichtslos. Sie sind in ihrem kriegsgeplagten Heimatland gefangen.

Journalist:innen in Bedrängnis

Für Journalist:innen ist der Jemen ein gefährlicher Arbeitsplatz. Sie werden aktiv an ihrer beruflichen Tätigkeit gehindert und riskieren mitunter ihr Leben. Das resultiert im Wegfall des wichtigsten Gliedes in der Kette der Berichterstattung – den Korrespondent:innen vor Ort. Besonders die Huthi-Rebellen betrachten die Medien als Feinde und bekämpfen diese, indem Mitarbeiter:innen bedroht, entführt oder getötet werden.

Laut dem Büro der hohen Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte wurden zwischen Ausbruch des Krieges im Jahr 2015 und Sommer des letzten Jahres 28 Journalist:innen getötet, 184 willkürlich verhaftet und zahlreiche weitere verletzt.[3] Grobe Verstöße gegen die Menschenrechte wurden in fast 400 Fällen dokumentiert. Neben der systematischen Verfolgung Medienschaffender vonseiten der Rebellen, kommt es auch immer wieder zu Todesfällen und Verletzungen durch Luftangriffe der saudisch geführten Koalition.[4] Aufgrund der allgemein schlechten Sicherheitslage sind kaum ausländische Korrespondent:innen im Jemen vertreten. Ortsansässige Berichterstatter:innen geben ihre Arbeit angesichts der damit verbundenen Gefahren oft auf. Trotzdem leben sie unter der ständigen Bedrohung, wegen früherer Publikationen bestraft zu werden.[5]

Sich nicht frei bewegen zu können, seine Meinung nicht kundtun zu können und an einem Ort festzusitzen, an dem Angst und Gewalt regieren, ist für die Bevölkerung westlicher Industriestaaten kaum vorstellbar. Im Jemen ist das die Realität, die sich auch an den rund 3,6 bis 4 Millionen Binnenflüchtlingen zeigt, die unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern leben.[6],[7] Wie verzweifelt ihre Lage tatsächlich ist, wird in Teil 3/3 behandelt.

Quelle

[1] https://mediendienst-integration.de/migration/flucht-asyl/syrische-fluechtlinge.html

[2] https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/
resources/202006-yemen-policy-paper.pdf

[3] https://www.ohchr.org/EN/NewsEvents/
Pages/DisplayNews.aspx?NewsID=26152&LangID=E

[4] https://www.reporter-ohne-grenzen.de/jemen

[5] https://rsf.org/en/yemen

[6] https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/hilfe-weltweit/jemen/

[7] https://www.internal-displacement.org/global-report/grid2020/


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