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Die Prekarisierung der Arbeitswelt


Die Normierung unselbstständiger Arbeitsverhältnisse, insbesondere die Regulierung von Arbeitszeit und Arbeitsentgelt, war ein zentraler Faktor für die Schaffung des österreichischen Sozialstaates, wie wir ihn heute kennen. Doch Politik, Medien und Sozialwissenschaften warnen zunehmend vor der Entwicklung einer „neuen Unterschicht“ und eines „Prekariats“ in Arbeits- und Lebenswelt. Was steckt dahinter?

Die Rückkehr der sozialen Frage

Es ist nichts Neues, dass Arbeitswelten und Arbeitsrealitäten sich im Laufe der Zeit verändern. Als Victor Adler 1888 seinen berühmten Text „Die Lage der Ziegelarbeiter“ schrieb, war die Situation wahrlich noch eine ganz andere. Zwischen den elenden Arbeitsbedingungen zu Beginn der Industrialisierung und jenen heute liegen Welten – oder besser gesagt Jahrzehnte an gesetzlichen und kollektivvertraglichen Reformbestrebungen.

Die Korrelation zwischen dem steigenden Wohlstand unserer Gesellschaft und den immer besser werdenden Arbeitsbedingungen war lange Zeit evident. Doch das hat sich mittlerweile geändert: Während die Generation der Babyboomer in ihrer Jugend noch zuversichtlich auf solide wachsende Löhne und beruflichen Aufstieg vertrauen konnte, haben heute nur noch rund ein Drittel der jungen Erwerbstätigen in Österreich einen stabilen Arbeitsplatz mit Zukunftsperspektiven.[1] Auch die Soziologen Robert Castel und Klaus Dörre beschreiben Anfang des 21. Jahrhunderts die „Rückkehr der sozialen Frage“ in die politische Öffentlichkeit – also eine Wiederkehr gewisser sozialer Missstände wie zur Zeit der steigenden Bevölkerungszahlen im Zuge der industriellen Revolution. Verantwortlich dafür sehen sie die Entstehung eines Prekariats, das sich aus der Wiederkehr sozialer Unsicherheiten infolge atypischer Beschäftigungsweisen ergibt.

Prekäre Arbeit: wenig Schutz, geringe Absicherung

Arbeitskräfteüberlassungen, fallweise und befristete Beschäftigung, Arbeit als freie Dienstnehmer:innen, Praktikant:innen oder Arbeitsverhältnisse auf Honorarbasis können prekäre Arbeit darstellen. Eine gängige Definition kommt von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO): Sie bezeichnet diejenige als prekär beschäftigt, die aufgrund ihres Erwerbsstatus nur eine geringe Arbeitsplatzsicherheit besitzen, wenig bis keinen Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung ihrer Arbeitssituation haben, keinen oder nur partiellen arbeitsrechtlichen Schutz sowie mangelnde soziale Absicherung genießen und deren Chance auf materielle Existenzsicherung durch Arbeit erfahrungsgemäß schlecht sind. Insbesondere atypische Beschäftigungsformen gelten oft als prekär – jedoch kann auch ein Normalarbeitsverhältnis den oben genannten Kriterien entsprechen.

Die österreichische Gewerkschafterin Veronika Bohrn Mena stellt in ihrem Buch „Die neue ArbeiterInnenklasse“ fest, dass es sich beim Personenkreis des Prekariats keineswegs um eine homogene soziale Gruppe handelt. Sowohl Männer als auch Frauen, Akademiker:innen und Arbeiter:innen, junge oder ältere Menschen können betroffen sein. Sichtbar ist jedoch, dass Frauen, jüngere und migrantische Personen überproportional repräsentiert sind.

Veränderter Arbeitsmarkt, veränderte Perspektiven

Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Bohrn Mena sieht die Verantwortung bei einer europaweiten Deregulierung des Arbeitsmarkts. So ist unter dem Deckmantel der „Flexibilisierung“ auf unserem Kontinent ein stetig wachsender Niedriglohnsektor mit Abermillionen prekärer Jobs entstanden.

Genau diese Jobs sind es, die Menschen ihre Perspektive und Planungssicherheit rauben und ihnen somit das Recht nehmen, ihr eigenes Leben selbstbestimmt und frei zu gestalten. Niemand möchte von der Hand in den Mund leben müssen. Sogar soziale Isolation und ein Verlust des Lebenssinns können die Folgen von prekärer Arbeit sein, etwa wenn Betroffene sich gesellschaftliche Teilhabe finanziell oder zeitlich nicht mehr leisten können.

Kollektive Verunsicherung, Druck, Angst

Laut Christine Stelzer-Orthofer belegt auch die zunehmende Polarisierung der Arbeitswelt den Verlust von Normalität und Stabilität der Erwerbsarbeit: „Auf der einen Seite befinden sich diejenigen Personengruppen, die wenig beschäftig werden, die in atypischen, ungeschützten Beschäftigungsverhältnissen, im Niedriglohnsektor tätig sind und nicht selten phasenweise oder langfristig gar nicht am Arbeitsmarkt gebraucht werden. Auf der anderen Seite stehen jene, die immer intensiver, länger und dichter arbeiten (müssen).“

Denn es ist so, dass sich Prekarisierung nicht nur auf  unmittelbar Betroffene auswirkt – sondern eine mittelbare Bedrohung für alle Beschäftigten, unabhängig vom konkreten Anstellungsverhältnis, darstellt. Prekäre Arbeit hat Einfluss auf das Sicherheitsgefühl aller Arbeitenden und produziert kollektive Ängste vor gesellschaftlichem Abstieg und Ausgrenzung. Vor allem in den letzten Jahren ist die Angst vor Erwerbsarbeitslosigkeit gestiegen – durch die Coronakrise hat sich die Situation noch einmal verschärft. Der Druck auf die Beschäftigten nimmt stetig zu. Immer mehr Menschen werden gezwungen, unter schlechteren Bedingungen zu arbeiten. Die Befürchtung, durch jüngere und sozusagen „billigere“ Kolleginnen und Kollegen ersetzt zu werden, steigt.

Ein gutes Leben für alle

All diese Faktoren machen prekäre Arbeit zu einem nützlichen Werkzeug, um eine kollektive Arbeits- und Leistungsbereitschaft zu gewährleisten, die nur leider allzu oft das sozial verträgliche Maß übersteigt. Es liegt daher in der Verantwortung des Sozialstaates, neben einer gerechten Einkommensverteilung auch für bessere Arbeitsbedingungen und eine faire Verteilung von existenzsichernder Erwerbsarbeit zu sorgen. Damit „ein gutes Leben für alle“ kein leerer Spruch bleibt.

Quellen

[1] Bohrn Mena, Veronika: Die neue ArbeiterInnenklasse. Menschen in prekären Verhältnissen, ÖGB Verlag 2019 (2. Auflage), S. 17

Altenhain, Claudio, Anja Danilina, Erik Hildebrandt et al.: Von „Neuer Unterschicht“ und Prekariat. Gesellschaftliche Verhältnisse und Kategorien im Umbruch. Kritische Perspektiven auf aktuelle Debatten. transcript Verlag 2008, S.9-23.

Dörre, Klaus, Robert Castel, Peter Bescherer: Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die Soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Campus Verlag 2009, S.11-18.

Stelzer Orthofer, Christine: Neue Arbeitsformen, Arbeitslosigkeit, Armut – Befunde zu Prekarisierung der österreichischen Arbeitswelt, In: Weiss (Hrsg.), Soziale Frage im Wandel. Probleme und Perspektiven des Sozialstaates und der Arbeitsgesellschaft, ÖGB Verlag 2012, S.47-56.

Vogel, Berthold: Das Prekariat – eine neue soziale Lage? In: Dörre, Castel, Bescherer (Hrsg.) Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die Soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Campus Verlag 2009, S.197-208.

Weiterführende Informationen

https://prekaere-arbeit.at/

Blog: prekäre Arbeit von Veronika Bohrn Mena

https://www.arbeit-wirtschaft.at/warum-eigentlich-podcast-episode07/

Podcast: Warum eigentlich gibt es prekäre Arbeit?

https://www.igkultur.at/artikel/warum-die-prekarisierung-von-arbeit-auch-die-demokratie-gefaehrdet

Artikel: Warum die Prekarisierung von Arbeit auch die Demokratie gefährdet

https://aufdeinerseite.at/

IG Flex: Interessensvertretung für Menschen in atypischen Beschäftigungen

Bild: “Kundgebung vor dem Inneneministerium in Berlin: Prekär ist nicht fair – Gegen schlechte Arbeits- und Lernbedingungen in Integrationskursen (9. März 2016)” by fzentin is licensed with CC BY-NC-SA 2.0. To view a copy of this license, visit https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/


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