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Matura FAIRändern


40 Tage – eine ewig erscheinende Zeitspanne, wenn man an geschichtliche Ereignisse wie die Sintflut im Alten Testament oder die alljährliche Fastenzeit in Ägypten denkt. Dies ändert sich jedoch, wenn man den Blick auf den Schulbesuch dieses doch schon recht langen Schuljahrs richtet; denn nur rund 40 Tage drückten die österreichischen Oberstufenschüler:innen in Präsenz die Schulbank.

Danach ging es ins Homeschooling, welches nicht nur aus meiner eigenen Erfahrung die Schüler:innen oft an ihre Grenzen brachte: Unmengen an Arbeitsaufträgen, Lehrer:innen, die sich nicht über die Hausübungsmenge mit den anderen Kolleg:innen absprechen, unter anderem, weil sie sich selbst nicht mehr hinaussehen und, und, und… Dazu kommt gefühlt jeden Tag eine neue Pressekonferenz des Bildungsministers, die zwar groß ankündigt wird, dann aber doch nur wieder unklare Aussagen hinterlässt, welche den Schüler:innen schlussendlich wieder nur mehr Unsicherheit als erhoffte Sicherheit bezüglich eines Schulalltags in Präsenz geben.

Laut einer Studie der Universität Wien berichten Oberstufenschüler:innen doppelt so oft über eine Abnahme der Lernfreude im Vergleich zur ersten Home-Learning Phase. Insgesamt empfinden Oberstufenschüler:innen besonders häufig einen gestiegenen Leistungsdruck und eine Belastung durch zu viele Stunden vor dem PC aufgrund des höheren Anteils an Videokonferenzen im Vergleich zum Frühjahr. Viele geben an, dass sie mehr Schwierigkeiten hätten, die benötigte Motivation und Energie für die Erledigung ihrer Schulaufgaben aufzubringen. Zusätzlich sei die Ungewissheit, wann die Schüler:innen wieder in die Schule zurückkehren dürfen, belastend.

Oberstufenschüler:innen, die in diesem Jahr vor der Matura stehen, haben zudem mit besonderen Belastungen zu kämpfen. Denn es gibt zwar ein Datum für diese letzte Prüfung, aber so gut wie keine Informationen darüber, wie das Lernen für diese zukünftig stattfinden soll und kann. Fest steht jedoch: Es ist fast unmöglich, sich im Homeschooling gut auf die Schularbeiten, geschweige denn die Reifeprüfung, vorzubereiten.

Aus diesem Grund wandte sich die Steirische SchülerInnenbewegung „Progress Steiermark“ in einem offenen Brief an die Regierung, vor allem an Bundeskanzler Sebastian Kurz. „Wir haben gehofft, dass wir nicht vergessen werden und uns von einer Pressekonferenz zur nächsten ‘gehantelt’“, meint Hannah Arnfelser, Vorsitzende von Progress Steiermark und Mitglied der steirischen Landesschülervertretung (LSV). Sie führt fort: „Nun sei aber der Punkt erreicht, wo man merkt, es kommt nichts mehr.“ Die Schüler:innen verstünden zwar, dass die epidemiologische Lage kompliziert sei, und dass Situationen wie diese entsprechenden Maßnahmen benötigen; die Schüler:innen verstünden aber nicht die Entscheidung des Kanzlers, Schulen geschlossen zu halten. Hinter Arnfelser stehen 70 Schülerverteter:innen aus 31 Schulen, die gemeinsam mit der Progress-Vorsitzenden diesen offenen Brief verfasst haben.

Hierbei stellt sich nun eine wesentliche Frage: Werden Schüler:innen aus diesem Maturajahrgang, welche letztes Jahr ab März im Homeschooling und dieses Jahr ab Herbst nur 40 Tage im Präsenzunterricht waren, fähig sein, im Sommer zur Matura anzutreten? Ich selbst stand letztes Jahr vor meiner Matura und weiß nur zu gut, wie viel Unterrichtsstoff in der siebten und achten Klasse gelehrt wird, weil ihn Schüler:innen brauchen, um die Matura erfolgreich zu absolvieren. Vor allem für schwächere Schüler:innen ist es schon in Präsenz eine Herausforderung dem Unterricht zu folgen; all jene haben es unter diesen Bedingungen jetzt noch einmal schwerer.

Daher stellen sich immer mehr Schüler:innen nun die Frage über die Notwendigkeit einer Maturaprüfung. Muss sich tatsächlich jemand, der jedes Jahr jedes Fach positiv abschloss, einer finalen Prüfung unterziehen? – insbesondere vor dem Hintergrund einer Pandemie, welche die jungen Menschen mehrheitlich psychisch belastet und die Schere zwischen Arm und Reich mehr denn je aufzeigt.

Viele sind finanziell nicht in der Lage, sich mit den notwendigen Hilfsmitteln wie Computer, Internet, etc. auszustatten und daher von vornherein benachteiligt. So können sie dem Onlineunterricht nicht richtig folgen. Des Weiteren können zerrüttete Familienverhältnisse, die aufgrund des zu engen Wohnraums und gleichzeitig nun Arbeitsraums entstehen, zu Konzentrationsproblemen führen. Hätte der Unterricht jedoch in der Schule stattgefunden, würden die oben genannten Probleme gar nicht auftauchen. Wo bleibt da die Chancengleichheit in der Bildung, für die Bruno Kreisky mit der „Schulbuchaktion“ den Grundstein legte?

Konkrete Pläne der Regierung bezüglich einer qualitativen Vorbereitung auf die Zentralmatura mit besonderem Augenmerk auf die schon durch die Corona-Krise benachteiligten Jugendlichen aus ärmeren Familien wären ein Anfang, der gemacht werden müsste, um allen Schüler:innen Motivation und Sicherheit auf den letzten Schritten ihrer Schullaufbahn zu geben. Jede:r soll sich im Sinne der Chancengleichheit unter den gleichen Voraussetzungen gut vorbereiten können.

In Zukunft wird man sich aber die Frage stellen müssen, ob das Ablegen einer Abschlussprüfung in der jetzigen Form fair, richtig und zukunftsorientiert ist. Hierbei sind auch etwaige zukünftige Klimakrisen, Naturkatastrophen oder Pandemien, die die Wissenschaft nicht ausschließt, zu berücksichtigen.

Quellen

Universität Wien: Wie erging es den Schüler*innen im zweiten Lockdown? Erste Ergebnisse der vierten Erhebung bei Schüler*innen

WOCHE Graz Ausgabe 4, 27.01.2021, Seite 22


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