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Kafka und Abschiebung


„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Mit diesen Worten beginnt Franz Kafkas weltberühmte Erzählung „Die Verwandlung“. Es ist die Geschichte der Entfremdung, der Heimatlosigkeit in einer Welt, in der man sich noch kurz zuvor zuhause fühlte. Gregor Samsa wacht eines Morgens auf und wird aus seiner Welt herausgerissen. Er kann seinem Alltag nicht mehr normal nachgehen. Er wird verstoßen von denen, zu denen er sich zuvor noch zugehörig gefühlt hatte. Die Kaltherzigkeit einer bürgerlichen Gesellschaft, die sich selbst am nächsten ist, offenbart sich.

Kafkas Geschichten zeichnen eine grausame, lebensfeindliche Welt. Eine Welt, in der die Willkür regiert und Menschlichkeit meist vergebens gesucht wird. In „Der Prozess“ schildert er die Geschichte von Josef K., der verurteilt wird, ohne sich jeglicher Schuld bewusst zu sein. K. versucht in Erfahrung zu bringen, worin seine Schuld liegt – doch vergebens: Er wird hingerichtet. Auch in „Das Urteil“ walten irrationale Kräfte. Der Protagonist Georg Bendemann findet sich in einer Abfolge von unwirklichen Geschehnissen, die schließlich dazu führen, dass er sich ertränkt – auf Befehl seines Vaters, einer Person, deren Aufgabe doch eigentlich der Schutz des eigenen Kindes sein sollte.

Es sind Geschichten wie diese, die Kafka zu einem der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts gemacht haben. Sein Name ist zu einem Symbol für das Ausgeliefertsein gegenüber Systemen, die man nicht versteht oder nicht kennt, geworden. Die von ihm beschriebene Welt ist beklemmend, macht Angst.

Donnerstag, 28. Jänner 2021, 05:56. Die APA veröffentlicht die Meldung: „Protest gegen Abschiebung aufgelöst“. Drei Schülerinnen wurden mit ihren Familien nach Armenien bzw. Georgien abgeschoben. Eine der Schülerinnen war in Österreich geboren worden, hatte quasi ihr gesamtes Leben hier verbracht und war bestens integriert. Viele ihrer Schulkolleg:innen und zahlreiche weitere Personen protestierten gegen ihre Abschiebung. Der grüne Asylsprecher Georg Bürstmayr berichtete von Polizeipräsenz wie bei einem „Antiterroreinsatz“ in der Nacht der Abschiebung.

Wenn wir also eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachen und mitansehen müssen, wie Jugendliche kaltherzig aus dem sozialen Umfeld des Landes, in dem sie aufgewachsen sind, herausgerissen werden, dann müssen wir uns fragen: Wollen wir wirklich in einer kafkaesken Welt leben?


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