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Gegen Activist Burnout: Ein Self-Care Guide für Aktivist:innen


Ein Blick auf das vergangene Jahr voller Umbrüche und Veränderungen zeigt uns klarer als je zuvor die Schwachstellen unserer Gesellschaft. Für viele Aktivist:innen ist und war 2020 eine wichtige Zeit voller Chancen für echte, gesellschaftliche Veränderung. Trotzdem fällt es gerade jetzt vielen schwer, ihrem Zweck treuzubleiben und angesichts schier unüberwindbarer Hürden die Hoffnung nicht zu verlieren. Was kann man also tun, um sich vor dem Burnout zu schützen?

“Activist Burnout” heißt das Phänomen, mit dem immer mehr Aktivist:innen zu kämpfen haben. So befriedigend das Gefühl „etwas zu tun“ und Teil von etwas Größerem zu sein auch ist, hat Aktivismus auch eine Schattenseite. Hilflosigkeit, Überforderung, Schuldgefühle und Isolation sind nur ein Teil der Dauerbelastung, die Aktivist:innen dazu bringt, sich „ausgebrannt“ zu fühlen und dem guten Zweck schließlich den Rücken zu kehren. Hier also ein kleiner Guide für alle Aktivist:innen, die für etwas Kämpfen wollen ohne die Kraftreserven zu erschöpfen.

Große Probleme in kleinen Schritten anpacken

Viele Probleme der heutigen Zeit sind allumfassend und riesig. Umso wichtiger ist es also, selbst kleine Schritte zu setzen und auch kleine, erreichte Ziele zu feiern. Selbst wenn beispielsweise Konsens darüber herrscht, dass die weltweit dominierenden Produktionsunternehmen massiv zum Klimawandel beitragen, verändert es etwas, wenn einige Unternehmen in deiner Stadt der Verwendung von ökologischeren Energieformen zustimmen. Genauso hilft es, durch Kampagnen, Demonstrationen oder Aufklärungsarbeit in den Medien auf Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft aufmerksam zu machen und zunächst einmal ein Bewusstsein für existierende Probleme zu schaffen.

Ein wichtiger Teil des Aktivismus sollte auch sein, gelegentlich innezuhalten und erreichte Ziele zu würdigen. Selbst wenn die Kampagne für ein ausschließlich vegetarisches Schulbuffet vielleicht nur zur Aufnahme von vegetarischen Optionen neben Schnitzel und Co. geführt hat, ist es ein Teilschritt in die richtige Richtung. Kleine Schritte sind mehr wert als ein durch Überforderung ganz aufgegebenes Ziel.

Seine Grenzen kennen und setzen

Niemand kann (und sollte) zu jeder Zeit leistungsfähig sein, und das gilt auch für Aktivist:innen. Sich der Dringlichkeit des Problems bewusst zu sein, bedeutet nicht, jede freie Minute damit zu verbringen. Grenzen zu setzen ist wichtig für die eigene, mentale Gesundheit, die eine Grundvoraussetzung für erfolgreichen Aktivismus darstellt. Konkret bedeutet das etwa, die Nachrichten nicht permanent zu verfolgen, sondern bestimmte Tageszeiten für den Informationskonsum festzulegen. Für jene, die auf den sozialen Medien aktiv sind, können auch getrennte Profile für privaten und professionellen Medienkonsum helfen, um besser abschalten zu können.

Ein gern übersehener Punkt, an dem Grenzen wichtig sind, ist außerdem die Aufklärungsarbeit. Auch Aktivist:innen schulden niemandem bei Omi‘s Familienfeier eine ausführliche Erklärung der Gründe, wieso sie vegan leben, auf der Black Lives Matter Demonstration waren oder keinen BH tragen – wenn sie das nicht wollen. Das ist keine „verlorene Gelegenheit“, sondern Selbstschutz. Es bleibt schließlich immer die Möglichkeit, die Leute auf von euch erstelltes oder fremdes Infomaterial zu verweisen oder ihnen höflich anzubieten, sich ein anderes Mal gerne mit ihnen darüber zu unterhalten.

Raus mit dem Perfektionismus

Perfektionismus und Schuldgefühle sind eine toxische Kombination, die oft Hand in Hand gehen. Viele Aktivist:innen haben an sich selbst überhöhte Ansprüche, denen sie kaum gerecht werden können. Oft werden sie dann von Schuldgefühlen oder Minderwertigkeitskomplexen geplagt, wenn die Ziele nicht gleich erreicht und die Welt nicht sofort verändert wird. Schluss damit! Es heißt schließlich „mit gutem Beispiel vorangehen“ und nicht „mit perfektem Beispiel vorangehen“. Man kann sich für Klimaschutz einsetzen und trotzdem in den Urlaub fliegen und man kann sich für Frauenrechte starkmachen und gleichzeitig romantische Komödien großartig finden. Niemand hat das Recht, Perfektion in allen Bereichen zu erwarten. Im Gegenteil, oft wirkt nicht-perfekter Aktivismus authentischer und nahbarer als strenge Regeln und Urteile.

Auch innerhalb der eigenen Bewegung werden oft schnell Urteile gefällt. Veganer verurteilen Veganer, die Fertigprodukte essen; Radfahrer:innen schimpfen über jene, die Elektroautos fahren; das Flugzeug zu nehmen, statt in die USA zu schwimmen, ist sowieso eine Katastrophe. Innerhalb des Zwecks wächst die Abneigung gegeneinander, und von außen wird schnell die ganze Bewegung als „missionarisch“ oder „pedantisch“ abgeschrieben. Damit erreicht niemand etwas. Hilfreicher ist es, davon auszugehen, dass die andere Person ihr Bestes gibt, etwas zum gemeinsamen Zweck beizutragen und persönlich wahrgenommene „Kritikpunkte“ als freundliche Anregungen zu formulieren. Im besten Falle hat mandamit der anderen Person etwas Neues gezeigt, im Schlechtesten steht man zumindest noch immer auf derselben Seite.

Gut Ding braucht Weile

Last, but not least: Beim eigenen Aktivismus für einige Zeit auf Pause zu drücken ist weder Faulheit noch persönliches Scheitern, sondern wichtig, um einem Zweck lange, gestärkt treu bleiben zu können. In diesem Sinne, fokussiert euch im neuen Jahr auf das Gute, setzt Grenzen für euch selbst und erwartet niemals Perfektion – weder von euch noch von anderen. Auch die größte Veränderung begann mit kleinen aber konstanten Schritten. Auf ein erfolgreiches Jahr 2021!


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