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In 30 Stunden zur Kindergartenpädagog*in – verantwortungslos oder effizient?


Die Diskussion um die Wichtigkeit des/der Kindergartenpädagog*in wird langsam wieder präsent. Eine Gesetzesnovelle soll es steirischen Betreuer*innen und Absolvent*innen des Bachelorstudiums Erziehungs- und Bildungswissenschaften ab sofort ermöglichen, mit einem 30-stündigen Crashkurs zur/zum qualifizierten Kindergartenpädagog*in zu werden und damit eine Kindergartengruppe oder sogar den gesamten Kindergarten zu leiten. Aber wie wichtig ist ein/e ausgebildete/r Kindergartenpädagog*in eigentlich noch?

In Zeiten des Lockdowns ist die Wertschätzung systemrelevanter Jobs in den Mittelpunkt der Medien gerückt. Minutenlanger Applaus am Balkon, Zeichnungen von Kindern für die Supermarkt Verkäufer*innen, Respekt und Anerkennung der Betreuung und Bildung von Kindern und Jugendlichen. Es wurde uns vor Augen geführt, wie reibungslos der normale Alltag laufen kann, wenn man die Möglichkeit der Kinderbetreuung wahrnimmt – und bei diesem Begriff „Kinderbetreuung“ fängt unser Problem eigentlich schon an.

Der Kindergarten wird in der Gesellschaft primär als Betreuungseinrichtung angesehen. Weit verbreitet gilt die Vorstellung, dass die Kinder morgens um 8 Uhr gebracht und am Nachmittag abgeholt werden. Dazwischen wird gespielt und gebastelt – eigentlich gibt es doch keine richtigen Lerninhalte im Kindergarten, oder? Es wird eben über Weihnachten und Ostern geredet, zu Muttertag wird ein Gedicht gelernt und am 11.11. findet ein großes Laternenfest statt. Sobald Kinder in die Schule kommen, wissen aber die meisten Erwachsenen, lernen sie in der ersten Klasse die Buchstaben und Zahlen, danach Lesen und Rechnen.

Es hat lange gedauert, bis der Kindergarten in der Politik und im Bildungssystem als „elementare Bildungseinrichtung“ anerkannt wurde. Der Grund dafür lag in der Entwicklung vieler pädagogisch-didaktischer Prinzipien und nicht zuletzt an der Verankerung dieser im bundesländerübergreifenden „Bildungsrahmenplan“. Das Dokument steht online zur Verfügung und listet die wichtigsten Bereiche, Kompetenzen und Lernfelder im Kindergarten auf. Ergänzend dazu gibt es einen Rahmenplan für Schulanfänger*innen, in der die nötigen Fähigkeiten für den Schulstart sowie deren Form der Umsetzung im Kindergarten enthalten sind.

Kindergartenpädagog*innen arbeiten mit diesem Bildungsrahmenplan und pädagogischer Literatur zur Entwicklung von Sprache, Motorik und sozial-emotionaler Kompetenz in ihrem Berufsalltag. Dafür ist eine Ausbildung in der Bildungsanstalt für Elementarpädagogik (BAfEP) notwendig, die als berufsbildende höhere Schule mit Zentralmatura 5 Jahre und als Kolleg 2,5 Jahre dauert. Ungefähr 650 Stunden verbringen SchülerInnen darüber hinaus in der Praxis, die in Kindergärten und Kinderkrippen stattfindet. Daneben haben sie kindergartenspezifische Fächer wie Didaktik, Psychologie, Philosophie und Pädagogik, mehr Musik- und Kunstunterricht als in anderen Schulen und kreative Projekte, die oft außerhalb der Schule stattfinden.

Hauptsächlich lernt man aber, eine gute pädagogische Fachkraft zu werden, die die trockene Theorie der Lehrbücher mit Kreativität in den Alltag der Kinder einbringt, die Kinder als Individuen betrachtet und fördert. Jedes Kind sollte den bestmöglichen Lernerfolg durch gezielte Bildungsangebote bekommen und dabei grundlegende Werte wie Diversität, Gleichberechtigung, Empowerment und Inklusion vermittelt bekommen. Für diese Herausforderung braucht es stundenlange Übung, Kontakt zu verschiedenen Kindern in verschiedenen Bildungseinrichtungen und viel Schreibarbeit, denn Vorbereitungen bilden den Grundstock für einen übersichtlichen Kindergartenalltag. Pädagog*innen müssen auch mit Eltern und Erziehungsberechtigten eine gute Bildungspartnerschaft führen und ein Zusammenspiel mit dem Kind, seinen Peers, seiner Familie sowie dem gesamten Kindergarten aufbauen. Schlussendlich wird reflektiert, supervisiert, besprochen und auf den Ergebnissen aufbauend wieder Neues geplant – ein „Circle of Nursery Education“, wie er in meiner Schule oft genannt wurde.

Jetzt heißt es also, dass steirische Betreuer*innen oder Absolvent*innen des Bachelorstudiums Bildungs- und Erziehungswissenschaften mit einem 30-stündigen Kurs sofort zum Pädagogen oder zur Pädagogin aufsteigen können. Ohne diese Ausbildungen in Frage zu stellen, ist dieses Zeitausmaß einfach nicht ausreichend. Oftmals arbeiten „fertige Pädagog*innen“ der BAfEP ein Jahr als Betreuer*innen, weil sie die Anforderungen der Leitung einer Kindergartengruppe noch nicht erfüllen können oder möchten. Währenddessen entscheiden sich mehr als zwei Drittel für ein Studium oder einen anderen Berufsweg – nicht zuletzt deswegen, weil das Gehalt der Kinderbetreuer*innen im Vergleich zum Arbeitsaufwand nicht verlockend ist.

Anstatt das Gehalt für Kindergartenpädagog*innen zu erhöhen, versucht man nun, Betreuer*innen, die derzeit noch weniger verdienen, als Pädagog*innen einzusetzen. Damit weicht man der nachhaltigen, aber teureren und aufwendigeren Lösung aus, den Beruf „Pädagog*in“ schmackhafter zu machen. Stattdessen wird die Ausbildung zu verkürzt. Im Extremfall bedeutet das, dass man BAfEP-Schulen theoretisch schließen kann, Wochenendkurse im Ausmaß von 40 Unterrichtstagen zur Ausbildung als Betreuer*in besuchen und danach den 30-Stunden-Crashkurs absolvieren kann, um die Qualifikation zu bekommen, wofür Schülerinnen und Schüler 5 Jahre lang gelernt und geübt haben. Es wird nicht nur zur Ungleichheit, sondern auch zu fehlender Erfahrung und damit resultierenden Qualitätsmängeln kommen, wenn die Ausbildung verkürzt wird. Würde ein Medizinstudium mit sechs Jahren auf zwei Jahre reduziert werden, würde es wohl mehr Aufmerksamkeit erlangen als das Pädagog*innen-Thema, das vor der Sitzung des steirischen Landtages nur in einzelnen Tageszeitungen veröffentlicht wurde.

Fehlend ist neben der Aufmerksamkeit für das Thema auch eine Anlaufstelle oder ein aktiver Verband von Kindergartenpädagog*innen. De facto haben Arbeitende in steirischen Kindergärten keine Lobby, an die sie sich wenden können. Nachdem ich gestern eine E-Mail an den Österreichischen Berufsverband der Kinder- und Hortpädagog*innen geschrieben habe, mit der Frage, warum es keine aktive Gruppe in der Steiermark gibt, wurde mir geantwortet, dass es bis dato noch keine InteressentInnen dafür gab.

In der Gesellschaft und in der Politik sind sie also immer noch die Kindergartentanten, die die Kinder tagsüber betreuen und beschäftigen. Kindergartenpädagog*innen sind aber pädagogische Fachkräfte in Bildungseinrichtungen, die sich fortlaufend weiterbilden und verbessern. Die Situation wird sich solange nicht bessern, bis man als Elternteil selbst die Angebote und Projekte im Kindergarten beachtet und wertschätzt. Nicht umsonst gilt das didaktische Prinzip der „Transparenz“ als Tor zur Gesellschaft, in dem Pädagog*innen Beiträge und Projekte in Gemeindezeitungen, Social-Media-Beiträge oder Fernsehreportagen vorstellen, um endlich auch als Bildungsbeauftragte anerkannt zu werden. Dafür braucht es nicht nur Wertschätzung und Aufmerksamkeit, sondern eine Angleichung der Bezahlung. Denn nur, weil Kindergartenpädagog*innen die kleinsten Kinder betreuen, steht ihnen nicht das kleinste Gehalt zu.


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