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„Gewalt hat viele Gesichter – und es sind alle Fratzen“


Die erste landesweite Kampagne gegen Gewalt an Frauen wurde von Landesrätin Doris Kampus (SPÖ) und Michaela Gosch von den Frauenhäusern Steiermark ins Leben gerufen. Das Herzstück der Kampagne zur Aufklärung von Beziehungsgewalt bilden dabei sensibilisierende Plakate an mehr als 70 Orten in der Steiermark.

Blaue Augen, geschwollene Gesichter und versteckte Hämatome: Vielen Leuten kommen diese Bilder in den Kopf, wenn sie an häusliche Gewalt denken. Doch Gewalt ist vielseitig und nicht immer sichtbar. Unter dem Motto #GesichterderGewalt läuft derzeit die erste steiermarkweite Kampagne gegen häusliche Misshandlung, die von Doris Kampus und Michaela Gosch am 10. Oktober 2020 gestartet wurde. Nun hängen an 70 Orten Bilder von Frauengesichtern, die keinerlei Verletzungen aufweisen. Darauf sind auch kurze Beschreibungen von problematischen Beziehungssituationen zu lesen: „Dein Partner verbietet die deine Freunde zu treffen“ oder „Dein Partner sperrt dich zu Hause ein.“ Ziel ist es, mehr Frauen zu erreichen und darüber aufzuklären, wo häusliche Gewalt beginnt. Jede soll wissen: Es wird ihr geholfen. Außerdem sollen Menschen für das Thema sensibilisiert werden.

Wo beginnt Gewalt?

Für Gosch ist ein Punkt besonders wichtig: „Häusliche Gewalt beginnt bereits dann, wenn der Mann das Handy kontrolliert oder nicht möchte, dass die Partnerin Zeit mit Freundinnen verbringt.“ Oft nehme eine betroffene Person das selbst noch gar nicht als Gewalt wahr. Für die Geschäftsführerin der Frauenhäuser Steiermark ist die ökonomische Gewalt – also, wenn eine Frau beispielsweise kein eigenes Bankkonto besitzt – die Basis für alles folgende. Wenn die Partnerschaft nicht in Balance sei, mache man sich angreifbar. Sie rät Hilfe zu suchen, wenn man in einer Beziehung nicht mehr man selbst sein könne. Gosch möchte aufzeigen, in wie vielen Formen häusliche Misshandlung auftreten kann: „Gewalt hat viele Gesichter – und es sind alle Fratzen.“

Gewalt durch Corona nicht gestiegen

Beim Gewaltschutzzentrum Steiermark gingen zwischen März und Juli – also in der Phase des ersten Lockdowns – fast 23 000 Anrufe ein. Obwohl das ein neuer Höchstwert ist, dementiert Gosch, dass mit Corona die Anzahl der Misshandlungen gestiegen sei: „Es suchen weniger Frauen vor Ort um Hilfe an. Alles in allem dürfte die Zahl ungefähr gleichgeblieben sein.“ Im Jahr 2019 wurde 2.993 Menschen im Gewaltschutzzentrum geholfen. Dieses Jahr waren es coronabedingt weniger, was allerdings durch mehr Anrufende ausgeglichen wurde. Gosch appelliert an alle Menschen, Zivilcourage zu beweisen: „Die Bevölkerung muss lernen hinzuschauen. Man soll lieber einmal zu oft die Polizei rufen, also einmal zu wenig.“

„Gewalt ist niemals Privatsache“

Doris Kampus schließt sich Gosch mit eindringlichen Worten an: „Jede Frau, die um Hilfe bittet, wird Hilfe bekommen.“ Man arbeite nicht nur mit den Plakaten, sondern auch mit sozialen Netzwerken und der Website www.gesichterdergewalt.at. „Gewalt ist ein kulturen- und altersübergreifendes Phänomen. Sie kommt in Akademikerfamilien vor und in Familien mit Migrationshintergrund. Betroffen sind alle, vom 18-jährigen Mädchen bis zur 80-jährigen Frau.“ Die Landesrätin verdringlicht, dass Gewalt niemals Privatsache sei. Um der häuslichen Misshandlung den Kampf anzusagen steht ein Budget von 6,5 Millionen Euro bereit: „Die finanziellen Ressourcen für Gewaltschutz werden nicht gekürzt, sondern wenn nötig ausgeweitet.“ Wichtig sei, durch die Plakat- und Sensibilisierungskampagne mehr Frauen zu erreichen.

Frauenhäuser bieten ein sicheres Umfeld

Frauenhäuser bieten von Gewalt betroffenen Personen ein sicheres Umfeld. An den Standorten in Graz und Kapfenberg können insgesamt 72 Betroffene aufgenommen werden. Jede Person hat ein eigenes Zimmer, um sich ihre Privatsphäre weitgehend erhalten zu können. Abgesehen davon unterstützen die Frauenhäuser auch rechtlich: Wenn Rechte verletzt werden, kann man sich vor Ort in den Schutzzentren oder telefonische beraten lassen. Auf der Website https://www.frauenhaeuser.at/angebot/ihre-rechte.html findet man einen kurzen Überblick, über rechtliche Möglichkeiten. Das beinhaltet auch, welcher Mittel sich die Polizei bedienen kann. Je nach Sachverhalt ist es möglich eine Verfügung, eine Wegweisung oder ein Vertretungsverbot auszusprechen.

Die Website der Frauenhäuser informiert außerdem über die wichtigsten Nummern im Notfall, wie die der Polizei (133), dem Euro Notruf (112), des Frauenhauses (+43 316 429900) oder des Gewaltschutzzentrums (+43 316 774199). Grundsätzlich gilt: Sicherheit geht vor. Man sollte – auch gemeinsam mit Kindern – an einem sicheren Ort auf Hilfe warten. Die Frauenhäuser sind eine zentrale Drehscheibe, wenn es um Prävention von Gewalt oder Hilfestellung im Ernstfall geht.

Weiterführende Links

Die Informationen stammen von der Pressekonferenz zu der Kampagne zur Aufklärung von Beziehungsgewalt am 8.10.2020 und von der Website der Frauenhäuser: https://www.frauenhaeuser.at/


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