Kenne Deine Rechte

Die Hürden des Lebenrettens


Ungefähr fünf bis sechs Liter. So viel Blut besitzt eine durchschnittliche, gesunde und erwachsene Person. Von diesen fünf bis sechs Litern werden bei einer Blutspende ca. 450 ml abgenommen und in einen kleinen Plastikbeutel gefüllt. Die Spende ist dann für 42 Tage haltbar. Aber in Wirklichkeit ist die Haltbarkeit in Österreich nicht von Relevanz, denn es wird ungefähr alle 80 Sekunden eine Blutspende benötigt und es kommt immer wieder zu Engpässen, vor allem in Sommermonaten. Den 350.000 Blutspenden stehen nur 2,8% der Bevölkerung gegenüber, welche den Zeitaufwand und die medizinischen Fragen auf sich nehmen, um Blut zu spenden.

Gerade diese medizinischen Fragen sind für einige Männer eine unüberwindbare Hürde. Denn es wird bei der Anmeldung zur Blutspende konkret nach dem sexuellen Verhalten gefragt. Und Männer die mit Männern Sex haben (MSM), werden nur dann zur Blutspende zugelassen, wenn seit ihrem letzten sexuellen Kontakt zu einem anderen Mann mindestens zwölf Monate vergangen sind. Dies soll gewährleisten, dass kein HIV-positives Blut gespendet wird, obwohl die Spende ohnehin auf verschiedene Krankheiten (HIV, Syphilis, Hepatitis B & C) getestet wird. Die Frist der zwölf Monate kommt einem kompletten Ausschluss aber sehr nahe. Dies ist aber schon eine relativ neue Lockerung des generellen Blutspendeverbots für homo- & bisexuelle Männer, welche erst im Dezember letzten Jahres durchgeführt wurde. Dass die Lösung viele unzufrieden hinterlässt, ist naheliegend.

Auch Yannick Shetty, ein Nationalratsabgeordneter der Neos, wünscht sich eine Änderung des Prozedere. Er brachte im April einen Entschließungsantrag1 ins Parlament ein, mit dem Ziel eine “diskriminierungsfreie Blutspende” zu schaffen. Laut Shetty solle vor allem auf das individuelle Risikoverhalten geachtet werden. Denn ein heterosexueller Mann könne, aufgrund seines persönlichen Verhaltens, ein viel größeres Risiko in sich bergen, als ein MSM, welcher sich besonders verantwortungsbewusst verhalte. Deswegen sollte nicht nach der Sexualität, sondern konkret nach dem Risiko durch das eigene Verhalten gefragt werden. Der Antrag? Für ihn gab es keine Mehrheit. Stattdessen wurde von Dr. Ewa Ernst-Dziedzic (Grüne) und Gabriela Schwarz (ÖVP) ein weiterer Entschließungsantrag zur Gründung einer Arbeitsgruppe eingebracht, welche im Herbst ihre Ergebnisse und eine neue Lösung präsentieren muss. Nur die FPÖ stimmte dagegen. Im Interview mit “Kenne deine Rechte” sagt Shetty zu diesem vorläufigen Ergebnis: „Dass mein Antrag abgelehnt werden würde, war mir relativ klar. Mir ging es vor allem darum, Druck zu erzeugen und ich glaube das haben wir geschafft, medial und im Parlament. […] Zufrieden bin ich mit dem Zwischenstand zwar nicht, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung.”

Auch die Abgeordnete und Sprecherin für LGTBQIA-Themen der Grünen Dr. Ewa Ernst-Dziedzic, welche den angenommenen Vorschlag, der die Arbeitsgruppe beinhaltet, in den Nationalrat einbrachte, findet, dass es mehr um das Risikoverhalten gehe und dass die sexuelle Orientierung nicht in den Vordergrund gerückt werden sollte. Insofern ist sie ja mit Herrn Shetty auf einer Wellenlänge. Warum dann nicht gleich dem Antrag der NEOS zustimmen, sondern einen eigenen Antrag einbringen? Dazu erläutert Sie in einem Kenne deine Rechte Interview: „ […] es gab für den Antrag keine Mehrheit […] und wenn die Opposition in einem Bereich, in dem wir mit unserem Koalitionspartner keine Einigung haben, einen Antrag stellt und wir würden einmal mit der Opposition stimmen, dann bedeutet das, dass wir keinen Koalitionszwang mehr haben. Dann würde die Koalition nicht lange halten. […] Und unser Job als Regierungspartei ist es auch nicht gegen die ÖVP zu stimmen, sondern mit ihnen zu verhandeln.”

Weitergehen werde es laut Dr. Ernst-Dziedzic mit einem “Roundtable” mit Expert*innen, wo es darum gehe von der Kategorisierung von MSM in eine Risikogruppe Abstand zu nehmen und stattdessen auf das Risikoverhalten zu setzen. Man werde auch mit dem Roten Kreuz zusammenarbeiten, da es zu 90% in der Verantwortung beim Thema Blutspenden stehe. Die dritte Ebene sei, dass Expert*innen auch in den Gesundheitsausschuss eingeladen werden würden, damit nicht alle Verhandlungen hinter verschlossenen Türen stattfinden.

Die Abgeordnete Dr. Ernst-Dziedzic sagt auch, dass die Thematik nicht in den Tiefen des Ausschusses versickern und verschwinden werde, wie das bei Ausschüssen schon öfter der Fall war, weil sie an einer Lösung orientiert sei und eine Antwort erwarte. Auch die verschiedenen Ebenen sollen das Versickern verhindern.Was sie allerdings nicht ganz versteht, ist der Skeptizismus und die Kritik an den Grünen: “Es ist nicht so, dass die Grünen jetzt eine andere Haltung haben. Es ist wahrscheinlich einfach leichter auf den Schwächeren loszugehen, aber das ist absurd. Wir sind nicht der Feind! Blockieren tut wer anderer und das ist in diesem Bereich die ÖVP. […] Ich habe mit ihnen im Bereich LGBT viel vereinbart und das braucht einfach Zeit, bis wir das umsetzen können!”

Nun, aber zu welchem Ergebnis könnte die Arbeitsgruppe überhaupt kommen? Um diese Frage zu beantworten hilft es, sich die Lösungen anderer Nationen anzusehen:

  • In der Schweiz fragt das Rote Kreuz konkret nach dem Sexualverhalten aller SpenderInnen. Und zwar mit der Frage: “Hatten Sie sexuelle Kontakte mit wechselnden Partnerinnen oder Partnern in den vergangenen 12 Monaten oder mit einer neuen Partnerin/einem neuen Partner in den letzten 4 Monaten?” Hierbei ist es nicht relevant ob es sich um MSM oder Heterosexuelle handelt. Alle werden gleichbehandelt.2
  • Auf der Website der “Avis”, welche für Blutspenden in Südtirol verantwortlich ist, wird darauf hingewiesen, dass Personen die “Geschlechtsverkehr mit hohem Übertragungsrisiko von ansteckenden Krankheiten” hatten für vier Monate von der Blutspende ausgeschlossen sind. Allerdings ist damit promiskuitiver Geschlechtsverkehr gemeint, unabhängig davon welches Geschlecht die Beteiligten haben.3
  • In Brasilien herrschte bis vor kurzem dieselbe Sperrfrist wie in Österreich. Dort brachte der oberste Gerichtshof diese Regelung zu Fall. Die “Zwölfmonateregelung” basiere auf Vorurteilen und Diskriminierung und verstoße gegen die brasilianische Verfassung. Stattdessen wird auch hier nach dem individuellen Risikoverhalten gefragt.4
  • Ungarn hat Mitte April die Blutspende für MSM geöffnet. In einer offiziellen Mitteilung heißt es: “Jede Diskriminierung wird aufgehoben, die auf dem Geschlecht der Spender in Zusammenhang mit für die Übertragung riskanten, sexuellen Beziehungen basiert.” 5
  • Auch Frankreich hat erst kürzlich die geltende Regelung geändert. Seit dem 01.02.2020 gilt hier: Homo- und Bisexuelle Männer dürfen dann ihr Blut spenden, wenn seit ihrem letzten sexuellen Kontakt mit einem anderen Mann mindestens vier Monate vergangen sind.6

Diese vier Monate sollen das sogenannte “diagnostische Fenster” schließen. Das “diagnostische Fenster” bezeichnet den Zeitraum, indem eine Person zwar HIV-positiv, der Test aber trotzdem negativ sein kann. Es ist möglich entweder auf das Virus zu testen oder aber auf die Antigene und Antikörper. Bei einem sogenannten PCR-Test wird untersucht, ob das HI-Virus im Blut vorhanden ist. Diese Tests liefern schon nach sechs Wochen ein relativ sicheres Ergebnis. Sollte ein noch sicheres Ergebnis gewünscht sein, dann muss man auf Antikörper- und Antigentests zurückgreifen. Wie der Name schon sagt, wird damit untersucht ob der Körper Antikörper oder Antigene gegen das HI-Virus gebildet hat. Hierbei ist das diagnostische Fenster aber etwas länger und beträgt zwölf Wochen.

Interessant ist, dass HIV eigentlich kein Thema ist, welches nur bi- oder homosexuelle Männer betrifft. Weil: Global betrachtet sind mittlerweile mehr Hetero- als Homosexuelle infiziert. Und die Neuinfektionen bei schwulen und bisexuellen Männern gehen zurück, wogegen sie bei Heterosexuellen steigen. Prinzipiell ist es möglich sich über nahezu jede Schleimhaut mit dem Virus zu infizieren. Früher wusste man das allerdings nicht und nahm an, dass HIV ein Thema der MSM sei und nur durch Analsex übertragen werden könne. Das viele MSM früher auf Kondome verzichteten, da viele in diesen nur den Zweck der Verhütung sahen und zwischen zwei Männern keine Möglichkeit einer Schwangerschaft besteht, hat auch tatsächlich zu erhöhten HIV-Raten unter homo- und bisexuellen Männern geführt. Allerdings sind diese, wie bereits erwähnt, rückläufig, da die Aufklärung und Prävention in der Community sehr viel besser geworden ist.7, 8

Aber schlussendlich ist es dem Virus egal, ob man(n) schwul, bi oder hetero ist. Es kann jeden betreffen!

Quellen

1: https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXVII/A/A_00119/index.shtml

2: https://www.blutspende.ch/de

3: http://www.avis-altoadige.it/de/die-blutspende/die-blutspende

4: https://www.queer.de/detail.php?article_id=36092

5: https://www.ggg.at/2020/05/07/ungarn-oeffnet-blutspende-fuer-schwule-und-bisexuelle-maenner

6: https://www.ggg.at/2019/07/25/frankreich-lockert-blutspende-regeln-fuer-schwule-maenner-erneut/

7: https://www.kleinezeitung.at/lebensart/gesundheit/5330718/Das-muessen-Sie-wissen_5-Mythen-zu-HIV-und-AIDS-aufgeklaert

8: https://www.tagesspiegel.de/wissen/hiv-breitet-sich-unter-schwulen-aus-hauptgrund-ist-geringer-kondomgebrauch/6899542.html


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