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Corona-Krise: 3,1 Prozent aller Frauen wurden Opfer häuslicher Gewalt


Schon im April warnte UNO-Generalsekretär Antonio Guterres vor einer „schrecklichen Zunahme“ häuslicher Gewalt mit der Aufforderung an Regierungen weltweit dagegen vorzugehen. Nun bestätigt erstmals eine Studie die negativen Auswirkungen von Quarantäne und Kontaktbeschränkungen.

Rund 3800 Frauen zwischen 18 und 65 Jahren berichteten online im Rahmen einer Befragung, welche von Janina Steinert von der Technischen Universität München und Cara Ebert vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung durchgeführt wurde, von ihren Erfahrungen. Ausschlaggebende Faktoren wie Alter, Bildungsstand, Wohnort aber auch Haushaltsgröße und Einkommen wurden berücksichtigt. Die Studie sei somit repräsentativ für Deutschland; in vielerlei Hinsicht wohl auch für Österreich.

Beweggründe für häusliche Gewalt

Junge Frauen und Kinder sind besonders gefährdet. Frauen unter 30 werden doppelt so oft Opfer häuslicher Gewalt als ältere, wobei hier von einer großen Dunkelziffer ausgegangen werden muss. Gewalt in der eigenen Kindheit, Schwangerschaft der Frau und Alkoholeinfluss als möglicher Auslöser aber nicht Ursache von Gewalt erhöhen das Risiko. Dass häusliche Gewalt vor allem in ökonomisch ärmeren Schichten auftritt, kann die Forschung entgegen der weitverbreiteten Annahme in der Bevölkerung nicht bestätigen. Fest steht jedoch, dass Betroffene aus höheren Einkommens- und Bildungsschichten sich seltener an Hilfseinrichtungen wenden, als jene aus niedrigeren Schichten. Gewalt an Männern sowie sexueller Missbrauch von Kindern wurden im Rahmen der Studie nicht untersucht, werden dadurch aber „nicht in ihrer Bedeutung in Frage gestellt“.

Gewalt und Quarantäne

In der Corona-Krise traten diese Trends besonders zum Vorschein. 3,1 Prozent der befragten Frauen wurden im Zeitraum vom 22. März bis zum 8. April zuhause mindestens einmal Opfer körperlicher Gewalt. 3,6 Prozent wurden von ihrem Partner vergewaltigt. Weitere 6,5 Prozent bestätigten gewalttätige Bestrafungen ihrer Kinder.

Befanden sich die Familien in einer finanziellen Notlage oder war einer der Partner arbeitslos oder in Kurzarbeit, waren die Zahlen deutlich höher. Gleiches gilt für Familien mit Kindern unter zehn Jahren. Am schlimmsten betroffen waren jene Familien in denen einer der Partner an Angst oder Depressionen leidet. Hier berichteten 9,7 Prozent der Frauen von körperlicher Gewalt und 14,3 Prozent von Gewalt an ihren Kindern.

Neben körperlicher und sexueller Gewalt wurde im Lockdown auch vermehrt psychische Gewalt ausgeübt. Demnach wurde es 2,2 Prozent der Frauen untersagt, das Haus ohne Erlaubnis des Mannes zu verlassen. In 4,6 Prozent der Fälle kontrollierte der Partner Kontakte zu Freund/innen und Familienmitgliedern, etwa auch über soziale Netzwerke.

Quo vadis, Österreich?

Die Studie stellt keinen Vergleich dazu an, wie viele Frauen außerhalb der Corona-Zeit Opfer häuslicher Gewalt werden. Eine Statistik des Vereins der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser (AÖF) gibt mehr Aufschluss darüber. Hierzulande ist demnach jede fünfte Frau ab ihrem 15. Lebensjahr von körperlicher und/oder sexueller Gewalt betroffen. Zudem hat sich die Zahl der Frauenmorde seit 2014 verdoppelt, mit 39 Femiziden im Jahr 2019. Um einem weiteren Gewaltanstieg in der Corona-Krise entgegenzuwirken wurde bereits im März von Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP) und Justizministerin Alma Zadic (Grüne) ein Maßnahmenpaket vorgestellt.

Was tun bei häuslicher Gewalt?

Viele Zufluchtsorte für Betroffene fielen zu Zeiten der Ausgangsbeschränkungen weg. Frauen konnten nicht wie gewohnt im Haus der Eltern übernachten oder Netzwerke im Ausland in Anspruch nehmen. Auch Österreichs 26 Frauenhäuser, die 2019 insgesamt 3.310 Personen betreuten, bekamen die Auswirkungen der Corona-Zeit zu spüren. Laut Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des AÖF, haben Österreichische Frauenhäuser „derzeit 43 Prozent Anrufe mehr“ (APA). Dennoch handelt es sich hierbei nur um einen Bruchteil der Frauen, die Gewalt ausgesetzt sind. Grund dafür ist laut Studie ein Fehlen an leicht zugänglichen Informationen zu Hilfsangeboten, weshalb zum Beispiel große Plakate in Supermärkten empfohlen werden. Sprachbarrieren, Schwierigkeiten in der Nähe des Mannes zu telefonieren und andere Sorgen hindern Betroffene zusätzlich oft daran Hilfe zu suchen.

Hilfe bei akuter Gewalt:

Nummer Polizei: 133 oder 112

SMS Polizei: 0800 133133

Frauenhelpline: 0800 222555

Frauenhäuser: https://www.aoef.at/index.php/frauenhaeuser2

Zusätzliche Informationen unter: http://www.frauenhelpline.at/

 

Bildnachweis: Jan-Philipp Strobel/picture alliance-dpa


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