Kenne Deine Rechte

„Bei uns kannst du es in echt tun”


Für kurze Zeit kursierte ein Werbevideo des Islamischen Staat (IS), welches mit Ausschnitten aus dem bekannten Game GTA (Grand Theft Auto) 5 Propaganda machte. In diesen Szenen geht es darum, aus der Ego-Perspektive Polizisten und andere Menschen spektakulär zu töten. Der IS ließ diesen Ausschnitten aus GTA den Aufruf folgen: „Do the things you do in games, in real life on the battlefield” Auch in Österreich wird laufend über junge Menschen berichtet, die sich dem IS anschließen wollen oder bereits angeschlossen haben. Diese Burschen und Mädchen lassen sehr viele Menschen ratlos zurück. Warum verlässt jemand freiwillig ein Land wie Österreich, in dem es hohe Sicherheit, ein gutes Sozialsystem und vor allem die Freiheit, sein Leben selbst zu gestalten gibt, um sich einer extrem brutalen Terrororganisation im Nahen Osten anzuschließen, die ganz offen ein archaisches religiöses Regime mit drakonischen Strafen propagiert und gar nicht erst zu verbergen versucht, dass junge Menschen aus Europa bei ihnen im Heiligen Krieg sterben werden? Wie die Biographien solcher „JungdschihadistInnen“ zeigen, sind es nicht die traditionell-religiösen Eltern, die ihnen dieses Verständnis des Islam mitgeben. Im Gegenteil: Oft sind die Eltern entsetzt über die Entwicklung ihrer Kinder, für die sie sich Integration und Aufstieg in der westlichen Gesellschaft erhofft hatten. In der Schule in Europa haben diese Mädchen und Burschen über Jahre gelernt, dass sie Respekt und Toleranz üben sollen, sie haben gelernt, dass man über Konflikte redet und nicht zuschlägt – kurzum, sie kennen durchaus die grundlegenden Agreements unserer Gesellschaft, die auf den Menschenrechten basieren. Warum lehnen sie diese Gesellschaft und ihre Werte so massiv ab? Ein Argument, das sehr häufig genannt wird, ist das Gefühl der Minderwertigkeit, der Ablehnung durch die Gesellschaft aufgrund des Migrationshintergrundes. Diese Jugendlichen hätten weniger Chancen in der westlichen Gesellschaft als jene aus „alten“ österreichischen oder deutschen Familien und wünschen sich deshalb eine Gesellschaft, in der sie als MuslimInnen die Besten und Bevorzugten wären. Ein anderes Argument ist die Suche nach Identität. Jugendliche muslimischer Herkunft wären im Westen entwurzelt und irgendwo zwischen den Kulturen gefangen, oft mit Eltern, die von der alten Heimat schwärmen, die es so gar nicht mehr gibt. OK. Selbst wenn das alles stimmt: Warum will jemand im Staub und Dreck leben und mit großer Wahrscheinlichkeit qualvoll sterben, wenn er oder sie in Österreich ein ruhiges Leben mit vergleichsweise großem Komfort haben könnte? Ich glaube nicht, dass es wirklich die Religion ist, die diese Jugendlichen so anzieht. Tief religiös kann man auch in Österreich sein. Die oben zitierte Werbung mittels des Shooters GTA, der im Grunde eine ironische Extremvariante des westlichen Lifestyle zelebriert, kommt der Sache schon viel näher: IS bietet Identifikation mit den Siegern, das Gefühl, nicht mühsam mit Worten und Argumenten seinen Standpunkt vertreten und sich gegenteilige Meinungen anhören zu müssen, sondern eine simple Weltsicht: Wer das Gewehr hat, bestimmt, wie die Welt aussieht. Und: Wer ein Gewehr hat, ist ein Mann, egal wie schlecht er in der Schule abschneidet, ob er einen guten Job hat oder sich halbwegs ausdrücken kann. Die Faszination des IS auf männliche Jugendliche hat auch viel mit Geschlechterrollen zu tun und noch mehr mit Machtphantasien, wie ein kurzer Blick in das Video des deutschen Rappers und IS-Fans Deso Dogg beweist.[2] Was dagegen helfen könnte? Sicher mehr Auseinandersetzung damit, was die Grundwerte unserer Gesellschaft sind und warum es auf Dauer ziemlich unlustig wäre, in einem religiösen Steinzeitstaat zu leben, wie ihn der IS propagiert. Natürlich wäre es auch gut, diesen Jugendlichen deutlicher die Chancen aufzuzeigen, die sie bei uns haben und sie zu ermutigen, nicht den vermeintlich einfachsten Weg zu nehmen
. Und hoffentlich erklärt jemand diesen Jungs einmal, dass gerade GTA sich in seinen Gewaltorgien selbst nicht ernst nimmt, sondern eine Parodie männlicher Machtphantasien ist – nichts würde den todernsten Anspruch des IS wohl mehr zerstören als die Lächerlichkeit.


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