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Graz im Rollstuhl: Unerwartete Herausforderungen


Die Idee dieses Projektes, organisiert von einer unserer Lehrerinnen zusammen mit Herrn Palle, dem Behindertenbeauftragten der Stadt Graz, war, dass sich je zwei Jugendliche einen Rollstuhl teilen: eineR sitzt, eineR schiebt – dann wird gewechselt. Gleich zu Beginn stoßen wir auch schon auf unser erstes Hindernis: die plötzlich unglaublich hoch erscheinende Gehsteigkante. Der Rollstuhl muss gedreht und dann mit aller Vorsicht die Kante hinunter geschoben werden. Und selbst dies ist nur bei den schon abgerundeten Kanten vor den Zebrastreifen möglich. Die normalen Gehsteigkanten hätten zumindest wir „AnfängerInnen“ uns nicht hinunter getraut. Kurz darauf folgt Herausforderung Nummer zwei: eine Kirche betreten. Abgesehen davon, dass nur ein einziger Eingang der Kirche keine Stufen hat, braucht es viel Zeit und Geduld, die schweren Kirchentüren aufzuhalten, während der/die andere im Rollstuhl versucht, irgendwie die kleine Kante, die den Gehsteig vom Kirchenboden trennt, hinab zu kommen. Schnell ist uns klar: so wirklich behindertengerecht ist Graz (noch) nicht. Plötzlich fallen uns auch die vielen Treppen auf. Ob Café, Restaurant oder Modeboutique: Mehr als einmal hindern uns Treppen daran, in das betreffende Gebäude zu gelangen.

Ein völlig neuer Blickwinkel

Es ist ein ungewohntes Gefühl für mich, im Rollstuhl zu sitzen. Plötzlich kommt mir der Boden viel näher vor, die Leute viel größer, die Türen viel höher. Es ist ein völlig neuer Blickwinkel. Der Untergrund ist deutlich zu spüren, vor allem wenn wir über Steinboden fahren, wackelt der ganze Rollstuhl. Ungewohnt sind auch die Blicke der Leute. Viele starren mich an, nur um dann gleich wieder peinlich berührt wegzuschauen
. Die anderen Gruppen empfinden es genauso. Vermutlich sind die meisten PassantInnen schockiert, so junge Menschen im Rollstuhl zu sehen. Da wird einem ins Gedächtnis gerufen, wie schnell einem etwas Ähnliches passieren könnte
. Einige Leute werden auch erheblich entgegenkommender. Mehrmals wird uns höflich die Tür aufgehalten oder Hilfe angeboten, wenn wir Probleme beim Vorankommen haben. Auch die StraßenbahnfahrerInnen sind sehr hilfsbereit, vorausgesetzt man schafft es eine Niederflurstraßenbahn zu erwischen.

Schon viel getan, bleibt noch viel zu tun

Graz als Menschenrechtsstadt hat es sich zum Ziel gemacht, die Innenstadt möglichst barrierefrei zu machen. Es ist ihr ein wichtiges Anliegen „dass Bürgerinnen und Bürger mit Handicap ein qualitätsvolles Leben führen können.“ Eigens dafür gibt es die „Behindertenbeauftragten“, an die man sich bei Fragen aller Art wenden kann. Auch wir haben bemerkt, dass die Stadt Graz versucht, Schritt für Schritt die Innenstadt barrierefrei zu machen. Ohne Probleme gelangt man mit dem Lift auf den Schlossberg, auch wenn das Vorankommen auf den stark ansteigenden Wegen am „Gipfel“ nur mit Hilfe möglich ist; die Stadtbibliothek ist hundert Prozent behindertengerecht aufgebaut; StraßenbahnfahrerInnen waren, wie schon angeführt, gerne bereit beim Einsteigen zu helfen und man kann eigentlich ohne Probleme die meisten Straßen entlang fahren, denn vor jedem Zebrastreifen sind abgesenkte Gehsteigkanten vorhanden. Trotz allem waren das zwei herausforderungsreiche Stunden. Uns ist sehr deutlich bewusst geworden, was RollstuhlfahrerInnen jeden Tag leisten müssen und dass in Graz zwar schon viel in Richtung Behindertengerechtigkeit gemacht wurde, aber dennoch noch viel zu tun ist, um die Stadt hundert Prozent barrierefrei zu machen.

Weiterführende Links:

Leben in Graz, Menschen mit Behinderung

Beauftragter der Stadt Graz für Menschen mit Behinderung

Mosaik GmbH, Betreuung, Förderung und Beratung behinderter Menschen

Alpha Nova

Sanitätshaus Ortho-Aktiv


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